Etwa jeder zehnte Mensch leidet an einer Autoimmunerkrankung. Frauen bekommen dabei laut einer aktuellen Studie aber von Medizinern zunächst wesentlich häufiger als Männer zu hören, ihre Symptome seien psychologischer oder psychosomatischer Natur. Weiterhin müssen Frauen demnach deutlich häufiger auf eine Behandlung warten, heißt es in der im Fachmagazin »Lancet eClinicalMedicine« veröffentlichten Studie .
Nach den Untersuchungen der Universitäten Cambridge und East Anglia ist die Wahrscheinlichkeit für Frauen um 46 Prozent höher, dass sie eine psychiatrische Fehldiagnose erhalten. Die Wahrscheinlichkeit einer psychosomatischen Fehldiagnose ist demnach sogar um 74 Prozent höher. Das bedeutet, dass Symptome von Frauen demnach häufiger falsch gedeutet werden, was wiederum die Zeit bis zur richtigen Diagnose und zum Behandlungsbeginn verlängert. Die Studie umfasste 6607 Menschen, die meisten von ihnen waren Frauen und stammten aus Großbritannien.
43 Prozent der befragten Patientinnen gaben an, ihre Symptome seien zunächst einer psychiatrischen Ursache zugeschrieben worden. Bei den männlichen Teilnehmern lag dieser Anteil bei 33 Prozent. Zudem berichteten 34 Prozent der Frauen von einer psychosomatischen Fehldiagnose, während dies nur bei 22 Prozent der Männer zutraf.
Weiterhin berichteten Frauen von deutlich längeren Zeiträumen zwischen dem Auftreten der Symptome und der Diagnose sowie von mehr Arztbesuchen. Bei Männern betrug die am häufigsten angegebene Zeit bis zur Diagnose weniger als drei Monate. Bei Frauen lag sie bei ein bis zwei Jahren.
»Die Schäden, die Frauen durch solche Fehldiagnosen entstehen, können hinsichtlich ihres Vertrauens in Ärzte und ihres Selbstwertgefühls sehr lang anhaltend sein«, sagt Hauptautorin Melanie Sloan. Einige Frauen seien dadurch gezwungen, Jahre auf eine Diagnose zu warten.
Nach Ansicht der Autorinnen und Autoren legen die Ergebnisse nahe, dass »historisch bedingte Vorurteile in der Medizin« fortbestehen können, »darunter die Auffassung, dass Frauen als weniger glaubwürdige und emotionalere Beschreiberinnen von Symptomen gelten als Männer«.
Laut Angaben der Teilnehmenden leidet fast ein Viertel der Frauen an Schilddrüsenerkrankungen wie Hashimoto-Thyreoiditis oder Morbus Basedow, während etwa jede siebte Frau von systemischem Lupus betroffen ist. Bei den Männern traten rheumatoide Arthritis, Vaskulitis und das Antiphospholipid-Syndrom am häufigsten auf.
