SpOn 07.09.2026
20:30 Uhr

CSD-Anschlag in Berlin: Behörden hatten Attentäter stärker im Fokus als bisher bekannt


Das Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum beriet achtmal über den Fall des Islamisten Abdul Ballout. Er galt als Hochrisikofall, dennoch wurde seine Überwachung zurückgefahren. Die Grünen fordern Aufklärung.

CSD-Anschlag in Berlin: Behörden hatten Attentäter stärker im Fokus als bisher bekannt

Die Sicherheitsbehörden aus Bund und Ländern haben sich vor dem Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) am 25. Juli in Berlin intensiver mit dem Attentäter beschäftigt als bisher bekannt. Laut Auskunft der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen befasste sich das Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ) bis zum Tag des Anschlags in acht Sitzungen mit dem Islamisten Abdul Ballout. Bisher hatten die Verantwortlichen lediglich mitgeteilt, dass das Gremium »mehrfach« über den Islamisten beraten habe.

Die noch unveröffentlichte Antwort des Bundesinnenministeriums liegt dem SPIEGEL vorab vor. Das GTAZ, ein 2004 eingerichtetes Gremium zum Abstimmen von Maßnahmen zur Abwehr islamistisch-terroristischer Gefahren, beriet demnach erstmals am 28. Mai 2025 zu Ballout. Die AG »Operativer Informationsaustausch« des Gremiums befasste sich dabei auf Einladung des Landeskriminalamtes Berlin mit offenbar dschihadistisch motivierten Reisen des Islamisten.

Am 22. Oktober – nachdem Ballout im Libanon wegen Terrorverdachts festgenommen und inhaftiert worden war – erfolgte eine weitere Sitzung. Am 7. November berieten die Sicherheitsbehörden dann über Maßnahmen, die nach seiner erwarteten Rückkehr nach Deutschland ergriffen werden sollten. Zehn Tage später wurde er am Flughafen in Berlin festgenommen und in Untersuchungshaft genommen.

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Am 16. Januar 2026 teilte das LKA in einer weiteren Sitzung des GTAZ den Kollegen von Bund und Ländern mit, den Islamisten inzwischen als »Gefährder« eingestuft zu haben. So bezeichnet die Polizei gewaltbereite Extremisten, denen sie einen Anschlag zutraut.

Vier Monate später verurteilte das Berliner Amtsgericht Ballout wegen einer versuchten Ausreise zur Terrormiliz IS in Syrien zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. Der Islamist kam auf freien Fuß. Einen Tag nach dem Urteil, am 13. Mai, informierte das Berliner LKA hierüber im GTAZ.

LKA-Beamte observierten den Gefährder nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft. Die Überwachung erfolgte zunächst engmaschig. Doch Ballout verhielt sich unauffällig, deshalb fuhren die Experten aus der Abteilung für Terrorismusabwehr die Maßnahmen nach und nach zurück. Am 26. Mai informierte das Berliner LKA hierüber erneut im GTAZ, unter anderem in der AG »Risikomanagement«.

Experten bescheinigten Ballout ein »hohes Risiko«

Laut Auskunft der Bundesregierung ging es in der Sitzung – auf Einladung des Bundeskriminalamtes – um die Abstimmung von Maßnahmen der Behörden. Das bundesweit einheitliche Bewertungssystem RADAR-iTE hatte für Ballout zuvor ein »hohes Risiko« ergeben.

Knapp zwei Monate nach dieser letzten Befassung mit Ballout im GTAZ mietete sich der Islamist einen Van. Am Abend des 25. Juli fuhr er am Rande des CSD in eine Menschenmenge im Berliner Tiergarten. Anschließend ging er mit einer Machete auf Feiernde los. Eine Frau starb, mehr als 30 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Es war die folgenschwerste islamistische Attacke in Berlin seit dem Anschlag eines Islamisten auf dem Breitscheidplatz im Dezember 2016.

Ballout flüchtete nach der Tat in eine Gartenlaube am westlichen Stadtrand, wo er beim Zugriff durch die Polizei durch Schüsse ums Leben kam.

Untersuchungsausschuss in Berlin?

Die Grünen, die die Anfrage an die Bundesregierung gestellt hatten, fordern nun weitere Aufklärung. »Wenn das GTAZ gemeinsam feststellt, dass eine Person höchst gefährlich ist und gut zwei Monate vor dem Anschlag mittels RADAR-iTE ein ›hohes Risiko‹ konstatiert, dann müssen die Räder ineinandergreifen«, forderte die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen, Irene Mihalic.

Die Berliner Behörden seien augenscheinlich nicht in der Lage gewesen, die Observation des Täters im erforderlichen Umfang zu gewährleisten. »Ein Untersuchungsausschuss in Berlin sollte all diesen Fragen nachgehen und haarklein aufklären, was da schiefgelaufen ist«, sagte Mihalic.

Der Innenexperte der Grünen, Marcel Emmerich, sagte, der islamistische Anschlag auf den CSD habe die queere Community ins Herz getroffen. Der Attentäter sei den Behörden als »tickende Zeitbombe« bekannt gewesen. »Warum dieser bekannten Gefahr offenbar kein ausreichender Schutz folgte, gehört zu den zentralen Fragen, die aufgeklärt werden müssen«, sagte Emmerich.

ukr