Spaniens bekanntester Real-Madrid-Influencer brauchte nach dem Abpfiff bei Manchester City nicht lange für seinen Clip. »Déjà-vu« hakte Tomás Roncero das Achtelfinale ab, in dem der Rekordeuropacupsieger das Team von Erzfeind Pep Guardiola auch in der dritten Saison nacheinander eliminiert hatte. Dann wandte er seinen Blick nach vorn: »Jetzt kommen die Bayern. Für mich der große Favorit dieses Jahr, noch vor dem PSG«.
Real gegen Bayern, darauf läuft es hinaus, nachdem die Münchner ihr Auswärtshinspiel bei Atalanta Bergamo mit 6:1 gewannen und damit die eindrucksvollste Titelkandidatur der Europapokalsaison abgaben. Jedenfalls bis Paris Saint-Germain am Dienstag den Klub-WM-Sieger Chelsea auch im Rückspiel mit drei Toren Unterschied und dadurch einem 8:2-Gesamtscore besiegte. Und bis zu Reals 5:1 gegen City, das mit einer 3:0-Halbzeitführung im Hinspiel ohne Umwege aufgegleist und im Rückspiel (2:1) durch einen frühen Platzverweis der Engländer zur Kaffeefahrt wurde.
Kein Duell gab es auf dem Kontinent öfter als Real gegen Bayern, 28-mal. Bis auf zwei Partien fanden alle Begegnungen in der K.-o.-Runde statt. Es ist der Klassiker Europas.
Es war einmal eine »bestia negra«
Nach einer traumatischen ersten Saisonhälfte mit bereits verpassten Titeln in Pokal und Supercup und der Entlassung des verhinderten Heilsbringers Xabi Alonso sowie angesichts erheblicher taktischer Schieflagen und nicht minder schwerer Verletzungsprobleme wäre Real eigentlich krasser Außenseiter. Eigentlich.
In der Vorrunde hatte Real auch noch gegen City verloren, zu Hause sogar. Was soll's? Die englische Überlegenheit im Europapokal dauert fast schon traditionell nur bis zum letzten Schnee. »Löwen im Winter, Lämmer im Frühjahr«, so umschrieb das Michel Platini mal.
Trainer Álvaro Arbeloa: Klassisch königliche Pädagogik
Foto: Paul Ellis / AFPReal gewann die Hälfte der vergangenen zwölf Champions-League-Ausgaben, bei vier dieser sechs Titel führte der Weg über die Münchner: 2014, 2017, 2018 und 2024. Dabei waren die Bayern früher als »bestia negra« der Madrilenen bekannt, als Gegner, der sogar Real Angst machte. Doch seit 2012 konnten sie Real nicht mehr aus dem Wettbewerb werfen und bekamen ihr Ausscheiden bei den letzten drei Gelegenheiten stets mit einer Dosis Schiedsrichterpolemik im Rückspiel im Bernabéu-Stadion garniert. Immerhin, exakt so kann sich die Geschichte im anstehenden Viertelfinale Anfang April nicht wiederholen, in Madrid findet das Hinspiel statt.
FC Bayern? »Die pack mer«
Bei Real wird sich trotzdem niemand als Außenseiter fühlen, schon gar nicht im Europacup. »A por ellos«, sagte Vinícius Júnior nach dem Abpfiff in Manchester angesprochen auf die Münchner. Frei auf Bayerisch: Die pack mer.
Vinícius ist das markanteste Gesicht der x-ten Madrider Renaissance zur entscheidenden Phase der Champions League. Unter dem im Januar entlassenen Alonso war er noch der größte Störfaktor, sein Zwist mit dem Trainer der Anfang von dessen Ende.
Nachfolger Álvaro Arbeloa, aufgerückt von der zweiten Mannschaft, hatte genau zugeschaut. Bei seiner Antrittspressekonferenz sprach er »vom enormen Glück, auf Vinícius Júnior zählen zu können«, einem der besten Fußballer der Welt. »Der Vini, der lacht, genießt, tanzt und spielt: Das ist der Vini, den wir sehen wollen.«
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In Manchester gab es ihn zu sehen, und wie: Ein Schuss von Vinícius provozierte die Schlüsselszene des Spiels mit dem Elfmeter zum 1:0 und der Hinausstellung von Bernardo Silva wegen Handspiels.
Vinícius verwandelte den Elfmeter selbst (nachdem er noch im Hinspiel einen Strafstoß vergeben hatte). In der Nachspielzeit traf er dann weitere zweimal. Das erste Tor wurde knapp wegen Abseits annulliert, das zweite zählte. Ein kleiner Tanz an der Eckfahne war da Ehrensache.
Arbeloa hat Real verstanden
Wichtigster Spieler des gesamten Duells blieb trotz der Vini-Show jedoch Federico Valverde, der im Hinspiel alle drei Tore erzielt hatte. Der Mittelfeld-Dynamiker ist ein weiterer Akteur, der unter Alonso unglücklich war und gegen den Trainer stichelte, weil er ihn oft auf Außen einsetzte. »Mir ist bewusst, dass er im Mittelfeld am glücklichsten ist und wir dort von ihm die beste Leistung bekommen«, sagt demgegenüber Arbeloa.
Es nicht so, dass Real unter dem neuen Coach grundsätzlich anders oder besser spielt. Man bleibt so weit ein Team, das einen großen Gegner nicht systematisch dominieren kann, nicht mal in Überzahl wie nun in Manchester. Aber es wird wieder anders gekämpft bei Real, solidarischer und sich gleichzeitig auf die individuellen Stärken besinnend. Arbeloa gibt Stars wie Vinícius und Valverde das Gefühl von Freiheit, das sie brauchen. Dann und nur dann sind sie auch bereit, Drecksarbeit zu übernehmen.
Es ist wie diskrete Hilfe zur Selbstverantwortung: Klassisch königliche Pädagogik, die schon Ex-Erfolgstrainer wie Carlo Ancelotti anwandten. Arbeloa hat noch nicht viel erreicht, seine Bilanz bisher ist wechselhaft und womöglich ist er schon bald wieder Geschichte. Aber fürs Erste soll das Klubpräsidium das Scouting nach einem neuen Trainer auf Halten gesetzt haben.
Man will Arbeloa zumindest noch eine Weile machen lassen. Der jahrelange Klubprofi erweist sich als intelligent, er kommt von der Schule, die versteht, dass es bei Real um die Spieler geht, nicht um den Trainer. Bisweilen geradezu devot tritt er als ihr Dienstleister auf, und sein Understatement wirkt dabei nicht aufgesetzt.
Ein spätes Tor bringt den Umschwung
Der jüngste Aufschwung benötigte wie oft bei Real nur eine kleine Initialzündung. Vor knapp zwei Wochen stand man nach zwei Liganiederlagen gegen Osasuna und Getafe beim Spielstand von 1:1 in Vigo vor einem weiteren, womöglich definitiven Rückschlag. In der letzten Szene der regulären Spielzeit traf Vigos Iago Aspas den Innenpfosten. In der letzten Szene der Nachspielzeit fand ein Verzweiflungsschuss von Valverde durch eine bizarre Abfälschung irgendwie den Weg ins Tor. 2:1 gewonnen.
Wenn das Schicksal seine Gunst offenbart, weiß kein Team wie Real, dass man solch einen Gefallen auch annehmen darf. Das späte Glück in Vigo stellte Selbstbewusstsein und Selbstverständnis wieder her. Eine halbe Woche später half Guardiola mit seiner konfusen Fünf-Stürmer-Taktik im Hinspiel auf dem weiteren Weg der Genesung.
Stürmer Kylian Mbappé: Probleme in der Teamstatik?
Foto: Paul Ellis / AFPDer Aufwärtstrend fiel außerdem mit einer Phase zusammen, in der Arbeloa wegen der Verletzungsprobleme verstärkt auf aufopferungsbereite Nachwuchsprofis aus seiner ehemaligen zweiten Mannschaft setzte. Und in der nicht nur Jude Bellingham, sondern mit Kylian Mbappé auch der neue Ober-Galáctico ausfiel. Gerade Reals etablierte Helden wie Valverde und Vinícius sind andere, wenn die Mannschaft ihr Spiel nicht auf Mbappé zuschneiden muss. In der Schlussphase bei City konnte der Franzose nach überstandenen Knieproblemen allerdings erstmals wieder mitwirken.
Kommen die Probleme in der Teamstatik also bald wieder? Bleibt es bei einer flüchtigen Renaissance? Oder bringt der Frühling eine veritable Wiederauferstehung? Angesichts von Lustprinzip und Wankelmut dieser Mannschaft ist es schlicht nicht zu prophezeien.
National wird sich schon am Wochenende einiges klären, wenn das Derby gegen Atlético gewonnen werden muss, um die derzeit vier Punkte Rückstand auf Spitzenreiter Barcelona nicht entscheidend anwachsen zu lassen.
International darf dann wohl der FC Bayern die Madrilenen wiegen. Mal wieder.
