SpOn 02.10.2026
15:24 Uhr

Fall Cornell & Co.: Männer, trainiert eure Algorithmen!


Beim Thema sexuelle Gewalt an Frauen äußern sich in den sozialen Medien vor allem: Frauen. Was Männer tun können, um nicht länger außen vor zu bleiben.

Fall Cornell & Co.: Männer, trainiert eure Algorithmen!

Ein Mann soll seine Frau jahrelang betäubt, vergewaltigt, anderen Männern angeboten und die Taten gefilmt haben.


Eine Frau wirft ihrem Ex-Mann vor, Fakeprofile von ihr erstellt und sie über Jahre digital sexuell missbraucht zu haben.


Mehrere Studenten einer US-Eliteuniversität sollen eine Kommilitonin unter Drogen gesetzt und stundenlang vergewaltigt haben.


Diese und weitere Fälle von sexueller Gewalt gegen Frauen werden in den sozialen Medien diskutiert. Viele solidarisieren sich mit den Opfern, doch ich sehe vorwiegend Frauen, die sich empören, die Fälle in ihrer Story teilen, weiterleiten und kommentieren.

Ein aktuelles Beispiel ist der Fall der Eliteuniversität Cornell, bei dem eine ehemalige Studentin behauptet, im Oktober 2024 im Haus einer Studierendenverbindung von sieben Männern mit Ketamin und Alkohol narkotisiert und über mehrere Stunden vergewaltigt worden zu sein (hier mehr dazu ). Sie machte die Tat öffentlich, doch eine Anklage der Staatsanwaltschaft folgte daraus damals nicht. Zwei Jahre später hat sie Klage gegen die sieben Verdächtigen, die Studierendenverbindung, die Uni und weitere Beteiligte eingereicht. Vor einigen Tagen wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft den Fall neu aufrollt. Beiträge in den sozialen Medien zu dem Fall erreichen seitdem ein Millionenpublikum.

Ein Instagram-Post des SPIEGEL zu Cornell hat mehr als 50.000 Likes, wurde mehr als 9000-mal weitergeleitet und tausendfach geteilt. Doch wenn man die Kommentarspalte durchscrollt, finden sich in erster Linie weiblich gelesene Accounts, die sich zu dem Fall äußern. Wo sind die Männer?

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Dass Männer viel seltener Debatten über sexuelle Gewalt an Frauen in den sozialen Medien kommentieren, dürfte womöglich auch daran liegen, dass die Algorithmen von Meta und TikTok ihnen entsprechende Inhalte weniger ausspielen. Algorithmen sind darauf trainiert, vorherzusagen, welche Inhalte uns interessieren. Die Empfehlungen leiten sich dabei auch von unseren Interaktionen ab und wie wir uns mit bestimmten Themen beschäftigen. Wenn man als Fußballfan beispielsweise dem Verein FC St. Pauli auf Instagram folgt und die Beiträge und Reels des Accounts schaut und likt, so spült der Algorithmus einem automatisch mehr Fußballcontent in den Feed.

Umgekehrt gilt beim Thema Cornell: »Wenn Männer sich nicht in gleichem Maße mit diesen Berichten beschäftigen, zeigt der Algorithmus ihnen diese auch nicht in gleichem Maße an«, erklärt Lucy Blakiston, die neuseeländische CEO der Medienplattform »Shit You Should Care About«.

Neben dem Hinweis, wir Frauen sollten mit den Männern in unserem Leben über den Fall Cornell sprechen, schlägt Blakiston vor: »Schnappt euch ihre Handys und likt so viele Inhalte über weibliche Belange, dass der Algorithmus anfängt, ihnen diese anzuzeigen.«

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Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen. Liebe Männer, in Zeiten, in denen sich viele Menschen über soziale Medien informieren und wichtige gesellschaftliche Debatten sich zunehmend auch dort abspielen, müssen wir auf derselben – oder zumindest einer ähnlichen – Wissensbasis miteinander sprechen.

Es kann nicht allein die Aufgabe von Frauen sein, über diese Fälle zu informieren. Sexuelle, digitale, jegliche Art von Gewalt an Frauen ist kein Frauenproblem, sondern ein gesellschaftliches.

Deshalb ein Appell an alle: Likt, kommentiert, teilt Beiträge zu diesem Thema. Legt das Smartphone fünf Minuten hin und lasst in Endlosschleife dasselbe Video abspielen, bis der Algorithmus checkt, dass euch dieses Thema nicht egal ist.

Denn wenn der Algorithmus sich verändert und euch mehr solcher Posts ausspielt, seht ihr beispielsweise Videos von anderen ehemaligen Studentinnen, die berichten, dass sie schon vor Jahren und Jahrzehnten ähnliche Fälle an der Cornell-Universität mitbekommen  und sogar selbst erlebt  haben. Und dann könnt ihr vielleicht die Dimension dieses Themas erkennen und die Wut so vieler Frauen besser verstehen.