SpOn 30.07.2026
16:39 Uhr

Friedrich Merz liest diesen Sommer die KI-Enzyklika von Papst Leo und »Das Narrenschiff« von Christoph Hein


Friedrich Merz hat genügend Gründe für eine Sommerpause. Doch auch dort will der angezählte Kanzler wohl fleißig sein. Angeblich begleiten ihn zwei dicke Bücher mit in die Ferien.

Friedrich Merz liest diesen Sommer die KI-Enzyklika von Papst Leo und »Das Narrenschiff« von Christoph Hein

Es ist noch gar nicht so lange her, da verspottete Friedrich Merz den regierenden Bundeskanzler. Ein »Klempner der Macht« sei Olaf Scholz, urteilte der CDU-Chef damals, unfähig, in großen Linien zu denken, verloren im täglichen Flickschustern und Nachbessern also. Inzwischen sitzt Merz selbst im Kanzleramt, und es gibt nicht wenige Menschen, die ihn recht ähnlich beschreiben.

In Hintergrundgesprächen für die aktuelle SPIEGEL-Titelgeschichte (hier nachzulesen ) fand sich niemand im inneren Zirkel, der noch an eine Zukunft des Kanzlers zu glauben scheint. Möglich, dass er nach den Landtagswahlen im Herbst mit einer Palastrevolte vom Hof gejagt wird.

Man weiß nicht sicher, wie Merz im Innern damit umgeht. Man sieht und hört nur, wie er nach außen auftritt: Selbstgewiss, polternd, bisweilen offenkundig entkoppelt von der eigenen Partei.

Der Kanzler und das »Narrenschiff«

Umso mehr erstaunt es, wie der Kanzler offenbar seinen Sommerurlaub zu verbringen gedenkt. Glaubt man der »Frankfurter Allgemeinen«, liegen auf seinem Schreibtisch nicht nur Papiere zum kommenden EU-Haushalt als Urlaubslektüre bereit. Sondern auch auch die Enzyklika »Magnifica humanitas« zur künstlichen Intelligenz von Papst Leo. Und ein Roman des ostdeutschen Schriftstellers Christoph Hein. Titel: »Das Narrenschiff«.

Es verbietet sich an dieser Stelle, mit dem Titel des Suhrkamp-Romans schmunzelnd auf die aktuelle Lage des Kanzlers anzuspielen. Zu interessant und eigenständig ist dafür das Werk. In Heins Buch geht es um drei Männer in den letzten Tagen der DDR. Drei auf ihre Art Angepasste, die mit sich und dem System ringen und dennoch gelernt haben, sich in ihm zu bewegen. Es ist ein großes Werk, viel gefeiert im Feuilleton. Auch die KI-Denkschrift des Papstes ist eine bemerkenswerte Lektüre. In sehr klaren Worten wirbt das Oberhaupt der katholischen Kirche darin für die Würde des Menschen.

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Mit seinem Sommerkanon zeigt Merz, dass er womöglich zu Gedanken bereit ist, die ihm seine Kritiker so nicht zutrauen.

Fraglich ist nur, wann genau der CDU-Chef zum Lesen kommen will. »Das Narrenschiff« hat 750 Seiten, auch die Enzyklopädie des Papstes hat eine dreistellige Seitenzahl. Merz’ Vorgänger Scholz war nicht nur als Klempner, sondern auch als Vielleser bekannt, der beide Bücher sicher schnell erschlossen hätte. Um sich dem anzunähern, braucht Merz womöglich noch ein paar Wochen.

Fraglich nur, ob er dann auch noch Kanzler ist.

jpe