1. Neue Eskalationsstufe in der Türkei
»Erdoğan will die Opposition mithilfe einer regierungstreuen Justiz schwächen«, schreibt mir meine Kollegin Anna-Sophie Schneider als Erklärung für ein Urteil, das die Türkei gerade aufwühlt.
Die Entscheidung aus Ankara vom Donnerstag hat zur Folge, dass die größte Oppositionspartei der Türkei, die CHP, eine neue Spitze bekommen muss. Die gesamte bisherige Führung rund um Politiker Özgür Özel ist ihrer Ämter enthoben. Mit sofortiger Wirkung. Das Verfahren sei politisch motiviert, sagen Kritiker. Zurück kommt dafür bei der CHP Kemal Kılıçdaroğlu. Der gilt als schwach, als gesetzter Verlierer. Und dürfte damit Wunschgegner des Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan sein.
Erdoğan könne die Entwicklung also nur freuen, sagt Sophie. Eine erste Berufung der CHP gegen das aktuelle Urteil sei am Freitag gescheitert. »Derzeit deutet einiges darauf hin, dass Erdoğan im kommenden Jahr vorgezogene Neuwahlen anstrebt.« Der wohl aussichtsreichste Präsidentschaftskandidat der Opposition, Ekrem İmamoğlu, sitzt wegen Korruptionsvorwürfen bereits seit mehr als einem Jahr in Untersuchungshaft.
• Lesen Sie hier die Analyse: Eine Opposition ganz nach Erdoğans Geschmack
2. Wie der Rechtsstaat – wieder mal – Frauen im Stich lässt
Im Juni 2025 meldet sich die Polizei bei Claudia Wuttke: Die Beamten zeigen ihr Screenshots von Aufnahmen. Wuttke sieht sich darauf selbst, die Augen sind zu, sie wirkt benommen. Augenscheinlich wird sie vergewaltigt. 67 solcher Aufnahmen von ihr gibt es, entstanden wohl über einen Zeitraum von 16 Jahren. Für Wuttke ist das ein Schock.
Dann kommt das »zweite Erdbeben«, so schildert es Wuttke dem SPIEGEL. Eine Gesetzeslücke im Sexualstrafrecht schützt nicht Wuttke, sondern den mutmaßlichen Täter, ihren Ex-Partner. Viele der mutmaßlichen Taten sind demnach schon verjährt. Die Frist von lediglich fünf Jahren ist abgelaufen.
Wie kann es sein, dass heutzutage noch derartige Lücken im Opferschutz existieren? Meine Kollegin Ann-Katrin Müller hat in dem Fall recherchiert und beschreibt, wie ausgerechnet eine Neufassung der Gesetze für Verschlechterungen für Opfer sorgte. »Der Fall zeigt, wie wichtig es ist, dass Gesetzesreformen sorgfältig gemacht werden. Denn der Schutz von Betroffenen ist für solche Fälle aus Versehen geschwächt worden, obwohl er verschärft werden sollte. Das hat viel Leid verursacht.«
• Lesen Sie hier den ganzen Text: Er soll sie Dutzende Male betäubt, vergewaltigt und gefilmt haben. Doch eine Gesetzeslücke schützt ihn
3. Späte Sternstunde
Die Sendung gilt als erfolgreichste Comedyshow im US-Fernsehen. Jetzt hat US-Entertainer Stephen Colbert die letzte Folge seiner weltweit beliebten »Late Show« moderiert.
Warum ist Schluss? Die offizielle Begründung im vergangenen Juli, es handele sich um eine »rein finanzielle Entscheidung« des Senders CBS, galt vielen als Vorwand. Tatsächlich habe CBS-Mutter Paramount mit dem Aus für Colbert eine Forderung von US-Präsident Donald Trump erfüllt, so der Verdacht.
Mein Kollege Arno Frank hat die finale Folge geschaut und schreibt, Colbert habe »dem Fernsehen eine späte Sternstunde« geschenkt. »Tatsächlich hat dieser Abend der Nation vor Augen geführt, was auf dem Spiel steht«, meint er. Was kann noch kommen nach dem fast schon absurden Aufgalopp an Stars in der letzten Sendung, Beatles-Star Paul McCartney inklusive? Colbert selbst scherzte in der Sendung: »Die Antwort lautet: ›Drogen‹.«
Offenbar will Colbert sich unter anderem einer Neuversion von »Herr der Ringe« zuwenden, zusammen mit seinem Sohn . Ich würde außerdem darauf tippen, dass auch ein Colbert-Podcast nicht unwahrscheinlich ist.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Goodbye, Stephen Colbert – hallo, Realität
Was heute sonst noch wichtig ist
USA pausieren laut Pentagon Waffenlieferungen an Taiwan – dort wurde man nicht informiert: Eine geplante Milliarden-Rüstungslieferung an Taiwan ist laut dem US-Marine-Staatssekretär auf Eis gelegt worden. Als Grund nannte er den Munitionsbedarf im Irankrieg. In Taipeh weiß man davon offenbar nichts.
Wirtschaftsministerin Reiche fordert Stopp der Frühverrentung: Die Rentenkommission hat ihre Vorschläge noch nicht vorgelegt. Trotzdem ist die Diskussion schon in vollem Gange. Auch Wirtschaftsministerin Katherina Reiche beteiligt sich daran.
Britische Polizei bittet um Hinweise zu Ex-Prinz Andrew: Bei den Ermittlungen rund um den früheren Prinzen Andrew geht die Polizei Hinweisen auf mögliches sexuelles Fehlverhalten nach. Die Ermittler glauben, dass sich Opfer wegen des öffentlichen Drucks nicht melden.
Ebolapatient laut Charité stark geschwächt, aber »nicht kritisch krank«: Der mit Ebola infizierte US-Arzt ist stabil, wie die Berliner Charité mitteilt. In Afrika gibt es derweil ständig neue Fälle. Isolierstationen, Medikamente und Personal fehlen.
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen
AfD-Politiker Baumann vor der CDU-Zentrale: Ein zeithistorisches Dokument
Foto: YouTubeCDU und AfD liefern sich bizarren YouTube-Streit – wegen einer Broschüre: Der AfD-Politiker Bernd Baumann filmt sich vor der CDU-Zentrale, von dort filmen Beschäftigte durch Jalousien zurück. Kurz darauf laden beide Parteien Videos ins Netz, die vor Falschbehauptungen nur so strotzen. Was ist da los?
Was heute weniger wichtig ist
Anthony Pham / HS / Getty Images
VIP = Verdeckte-Idol-Perspektive: Sänger Harry Styles, 32, will das Bühnenkonzept seiner weltweiten »Together Together«-Tour nach Fankritik überarbeiten. Konzertbesucher hätten sich beschwert, dass durch drei Meter hohe Laufstege ins Publikum hinein die Sicht auf den Sänger oft versperrt gewesen sei, berichtet die BBC. Für die Bereiche nahe diesen Bühnenteilen seien demnach besonders teure VIP-Tickets verkauft worden. Ein Premiumerlebnis hatten die Käufer aber offenbar nicht. »Schlechteste Konzert-experience meines Lebens«, wird einer zitiert.
Mini-Hohlspiegel
Aus dem »Hamburger Abendblatt«
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Thomas PlaßmannUnd am Wochenende?
Können Sie den SPIEGEL-Podcast »Menschenjagd – Im Netz von ›White Tiger‹« hören. Seit Donnerstag ist die fünfte und finale Folge frei verfügbar, zum Beispiel auf Spotify . Mein Netzwelt-Kollege Max Hoppenstedt Heinrichs begibt sich darin auf die Spuren von »White Tiger«: Unter diesem Pseudonym soll ein junger Hamburger einen Mord begangen haben, an einem US-Teenager. Die Anwältin des Angeklagten sagt, der Vorwurf sei nicht haltbar. Max gibt im Podcast spannende und auch verstörende Einblicke in eine brutale Onlineszene, die Jagd auf junge Menschen macht (jetzt hier reinhören).
Einen schönen Abend. Herzlich
Ihre Angela Gruber, Autorin im Wirtschaftsressort




