Ist am 10. März außerhalb der israelischen Stadt Beit Schemesch eine iranische Rakete eingeschlagen? Für den israelischen Journalisten Emanuel Fabian war es an dem Tag nur eine Nachricht von vielen. Er schrieb für den Liveblog der Zeitung »Times of Israel« eine Meldung von wenigen Zeilen Länge: Der Einschlag hatte keine großen Schäden angerichtet und es gab auch keine Verletzten.
Doch in den folgenden Tagen sollte die Frage für Fabian unerwartete Bedeutung erhalten: Offenbar diente er bei einer Wette auf der Plattform Polymarket, auf der Millionenbeträge auf Details des Irankriegs gesetzt werden, als unfreiwilliger Schiedsrichter.
Der Kriegskorrespondent schildert nun in einem ausführlichen Artikel , wie er Ziel einer Kampagne wurde, die Geschehnisse in Israel vor einer Woche umzuschreiben. Es begann mit einigen E-Mails, die eine Korrektur anregten: Bei der iranischen Rakete habe es sich vermeintlich nur um die Überreste einer Abfangrakete gehandelt. Ob er dies korrigieren könne oder ob er nähere Informationen über die Rakete bereitstellen könnte, fragte etwa ein Unbekannter namens Aviv den Journalisten.
Korrekturen werden zu Drohungen
Der prüfte seine Quellen und kam zum Schluss, dass die in einem Video festgehaltene Explosion nicht zu einer Abfangrakete oder einem abgestürzten Fragment einer iranischen Rakete passe. Die Meldung blieb unverändert online.
Was folgte, war für Fabian zunächst nicht nachvollziehbar. Per E-Mail, WhatsApp, auf Discord, X und sogar über die persönliche Nachricht eines israelischen Kollegen versuchten immer mehr Unbekannte, die immer gleiche Änderung durchzusetzen: Es habe am 10. März keinen wirklichen Einschlag einer iranischen Rakete gegeben.
Die Nachrichten enthielten zuerst versteckte Drohungen, dann explizite. »Nachdem du uns 900.000 Dollar Verlust beschert hast, werden wir mindestens denselben Betrag investieren, um dich fertigzumachen«, zitiert Fabian eine Nachricht, die er mitten in der Nacht per WhatsApp bekam. Neben Drohungen gab es auch Bestechungsversuche. Doch warum solche gewaltigen Summen an einer Kurzmeldung hängen sollten, war dem Journalisten zunächst unklar.
Millioneneinsätze als Motivation
Erst als er sich die Profile hinter mehreren solchen Forderungen auf dem sozialen Netzwerk X ansah, stieß er auf die Verbindung zur umstrittenen Wettplattform. »Soweit ich das derzeit verstehe, sollten die E-Mails klären, ob am 10. März eine Rakete Israel getroffen hatte oder nicht, um eine Prognose auf Polymarket zu klären.«
Polymarket kleidet Wetten in die Form eines Kapitalmarktinstruments: Nutzerinnen und Nutzer können sich Anteile zum Ausgang aller möglichen Ereignisse kaufen, von Präsidentschaftswahlen über die Wiederkehr von Jesus bis zu Kriegsereignissen. Schon bei der Entführung des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduros durch die USA gab es Vorwürfe, dass Insider Militärinformationen zu Geld gemacht hatten. Mehr zu den umstrittenen Plattformen lesen Sie hier .
Tatsächlich findet sich auf Polymarket ein entsprechender Eintrag zum Kriegsverlauf, bei dem Spieler darauf setzen können, an welchem Tag Iran einen erfolgreichen militärischen Schlag gegen Israel führen würde. Mittlerweile sind dort mehr als 20 Millionen Dollar gesetzt worden.
In den Regeln ist haarklein festgelegt, was als erfolgreicher Schlag Irans gelten soll: So werden Raketenangriffe der Hisbollah nicht gezählt, ebenso wenig Cyberangriffe oder der Einsatz von Bodentruppen. Dafür aber iranische Raketen, die nicht von den israelischen Streitkräften abgefangen wurden.
Als Quelle für den Ausgang sollen offizielle Berichte des Militärs, multinationaler Organisationen, aber auch glaubwürdige Medienberichte gelten. Hier kam augenscheinlich Fabian ins Spiel, der über seinen Eintrag im Newsblog zum unfreiwilligen Schiedsrichter erhoben wurde. Neben den Drohungen kursierte auch eine gefälschte E-Mail, in der Fabian vorgeblich einen Fehler einräumte.
Polizei eingeschaltet, Accounts gesperrt
Der Journalist wandte sich an die Polizei und an Polymarket. Die Plattform verurteilte auf der Plattform X daraufhin die Drohungen. »Wir haben die Konten aller Beteiligten gesperrt und werden ihre Daten an die zuständigen Behörden weiterleiten.«
Polymarket condemns the harassment & threats directed at Emanuel Fabian — or anyone else for that matter.
— Polymarket (@Polymarket) March 16, 2026
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Fabian versucht unterdessen, einen Schlussstrich zu ziehen. »Der Versuch dieser Leute, mich für eine Wette unter Druck zu setzen und meine Berichterstattung zu ändern, ist gescheitert und wird auch weiterhin scheitern«, schreibt der Journalist. Gleichzeitig warnt er davor, dass die Plattformen zum Problem für die Berichterstattung werden könnten: »Ich befürchte, dass andere Journalisten möglicherweise weniger ethisch handeln, wenn ihnen ein Teil des Gewinns versprochen wird.«
