SpOn 08.09.2026
05:34 Uhr

Rachel Cusk und Natalie Portman: Wann darf man über reale Personen schreiben?


Rachel Cusk und Natalie Portman: Wann darf man über reale Personen schreiben?

Skandal! Skandal! Der Sommer nähert sich dem Ende und endlich wird wieder überall über ein Buch gesprochen. Geschrieben hat es die britische Schriftstellerin Rachel Cusk. Ihr neuer Roman »Das Leben der M« sei ein »literarisches Attentat« , heißt es etwa im »Telegraph«. Wer ermordet wird? Angeblich die Schauspielerin Natalie Portman.

Vorweg: Ein literarisches Attentat ist dieses Buch nicht. Eher ein Test, wie wir Geschichten über Stars lesen und konsumieren; ob und wie wir unsere eigenen Vorstellungen auf einen Text zurückspiegeln.

Aber von vorn. In »Das Leben der M« will eine Schriftsteller:in die Autobiografie der Hollywoodschauspielerin M schreiben. Dieses Projekt wird zu dem Buch, das wir gerade lesen. Wie gewohnt verzichtet Cusk, 59, dabei auf einen Plot; sie hatte mal erklärt, dass sie konventionelle Figuren und Handlungen albern finde.

Wie kommt nun Portman ins Spiel? Cusk beschreibt, zugegebenermaßen nicht besonders subtil, mehrere Motive, die sehr an die Karriere der Schauspielerin erinnern: Es tauchen Szenen auf, die Ähnlichkeit zur Filmografie Portmans aufweisen. M war, wie Portman, einst ein Kinderstar, und ist jetzt ein Werbegesicht einer berühmten Marke, in Spots voller Blumen.

Szene aus »Leon – der Profi« mit Portman: Einst ein Kinderstar

Szene aus »Leon – der Profi« mit Portman: Einst ein Kinderstar

Foto: CAP / KFS / Capital Pictures / IMAGO

Darf Cusk das? Darf sie sich am Leben eines Stars vergreifen? Portman selbst schweigt dazu, aber die Welt diskutiert: Wem gehört die eigene Geschichte? Ich muss gestehen: Mich langweilen diese Fragen, weil die Debatten drumherum so abgedroschen sind. Gerade, wenn es um berühmte Menschen geht – denn deren Karriere beruht gewissermaßen darauf, dass sie Projektionsfläche sind. Die Frage ist vielleicht eher, ob Aneignung und Interpretation gut gemacht sind; ob ein Roman neben dem vermeintlichen Tratschaspekt noch mehr zu bieten hat. Natürlich geht es auch darum, ob ein Machtgefälle existiert.

Neu ist das Thema nicht. Truman Capote verlor einst einige seiner engsten Freundinnen, als er ihre geheimen Liebesaffären und Demütigungen zu Literatur machte. Kamel Daoud gewann 2024 den Prix Goncourt. Saâda Arbane ging anschließend juristisch gegen ihn und seine Ehefrau vor: Der Autor habe ihre Lebensgeschichte, die sie während einer psychiatrischen Behandlung bei seiner Ehefrau erzählt hatte, übernommen. In Deutschland blieb Maxim Billers »Esra« nach der Klage seiner ehemaligen Freundin verboten.

Sogar Cusk selbst kennt das: Ihr Reisememoir »The Last Supper« musste nach der Erstauflage zurückgezogen werden, weil sich eine darin beschriebene Person wiedererkannte.

Aber bei »Das Leben der M« liegt der Fall anders. Hier klagt niemand, und hier geht es um einen Star, dessen Leben auf eine gewisse Art ohnehin in der Öffentlichkeit stattfindet. Cusk gilt als »Königin der Autofiktion«, sie ist bekannt dafür, das eigene Leben literarisch zu verfremden. Dabei besitzt sie einen kühlen, messerscharfen Blick, der über das Ich hinausweist.

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Diesem Stil bleibt sie gewissermaßen treu. Cusk interessiert sich weniger für M als Person, als es scheint. Ihr Buch ist deshalb keine Attacke gegen Natalie Portman, sondern gegen uns alle, die Stars und dem Ruhm verfallen sind. Die brutalen Szenen – M, die als Star selbst nur noch Menschsein zu performen scheint; M, für die ein im Winter geschlossener Hotelgarten eigens geöffnet wird – fallen auf die Erzählstimme selbst zurück. Ganz am Ende, in einer Szene, in der Autorin und Star aufeinandertreffen, sagt M: »Mir gefällt nicht, wie du mich porträtiert hast. Ehrlich gesagt finde ich es verletzend.« Und die Erzählstimme antwortet: »Aber das bist nicht du. Es ist niemand Bestimmtes.«

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Das Leben der M

Rachel Cusk
Übersetzung: Eva Bonné Verlag: Suhrkamp Seiten: 175
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Das Buch explodiere und zerstöre sich am Ende selbst, sagte Cusk der »New York Times« . Tatsächlich ist »Das Leben der M« ein seltsames Buch. Im besten Sinne. Vielleicht ist es nicht Cusks bester Roman, aber ihr zugänglichster.

Wie grandios wäre es, wenn Portman ihr Schweigen beendete – mit dem Satz, den M eben nicht sagt: »Ich habe dieses Buch geliebt. Es ist Literatur.«


Das Zitat

»Der Stand eines Stars ist die Spezialisierung des scheinbaren Erlebten, ist das Objekt der Identifizierung mit dem seichten, scheinbaren Leben, welches die Zerstückelung der wirklich erlebten Produktionsspezialisierungen aufwiegen soll.«

Guy Debord, »Die Gesellschaft des Spektakels«, Edition Tiamat


Der literarische Steckbrief … mit Yade Yasemin Önder
Foto: Julia Sellmann / Ullstein Verlag

Was ist das Buch Ihres Lebens?

Ich muss 13 oder 14 Jahre alt gewesen sein, als ich auf »Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge« von Rainer Maria Rilke stieß. Beim Aufklappen des Buches fiel mir sofort das Datum des ersten Tagebucheintrags auf: Es ist mein Geburtstag. Nun neigt ein junger Mensch ja gern zum magischen Denken, und so war auch ich in diesem Moment überzeugt, dass dies ein Zeichen ist und das Buch für mich bestimmt. Zugegebenermaßen verstand ich bei der ersten Lektüre nur die Hälfte. Aber das störte mich überhaupt nicht, so eingenommen war ich von der soghaften Sprache und Bildwelt. Und dann begann ich zu schreiben. Später las ich »Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge« noch ein paar Mal und war nur noch begeisterter von der dramaturgischen und formalen Freiheit, die ich in meinen ersten Texten unbedingt kopieren musste.

Und welches liegt gerade oben auf Ihrem Nachttisch?

Elisabeth Pape: »Halbe Portion«. Ein berührender Roman über Essstörungen, Armut und Zwangsgedanken, geschrieben in einer herrlich lakonischen Sprache. Ein Buch, das ich sehr empfehlen kann, umso mehr in einer Zeit, in der sich das Schönheitsideal wieder dem gefährlichen Size Zero der Neunzigerjahre annähert.

Welches Buch wird gerade zu viel diskutiert?

Großartig, dass Bücher heutzutage noch so viele Leser*innen begeistern können. Ich gönne fast jedem Buch seine Aufmerksamkeit. Gleichzeitig finde ich es schwierig, dass einzelne Titel von Verlagen und Medien extrem gehypt werden, während sich die meisten auf dem Markt aus sich selbst heraus behaupten müssen. Viele schaffen das nicht und gehen unter. Ich wünschte mir eine faire Umverteilung von Aufmerksamkeit und ähnlichere Startbedingungen, damit Titel, die vielleicht eher abseitige Themen oder Ästhetiken abbilden, auch eine Bühne bekommen.

Und welches zu wenig?

Volker Weiß: »Das Deutsche Demokratische Reich. Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört«. Dieses Sachbuch ist 2025 erschienen und wurde durchaus besprochen, aber ich möchte es noch einmal empfehlen. Weiß analysiert darin die Methoden der extremen Rechte, mit denen sie eine eigene, revisionistische Lesart des 20. Jahrhunderts zu etablieren versucht. Begriffe wie Freiheit, Nation oder Antifaschismus werden neu besetzt und mit autoritären Inhalten gefüllt. Diese Methode nennt Weiß »Resignifikation«. Wie sehr die AfD Geschichte und Sprache attackiert, hat mich wirklich schockiert.

An wen haben Sie die letzte WhatsApp-Nachricht geschrieben – und wie lautet sie?

Ich habe meine Freundin Jana gefragt, wann wir morgen Hundeübergabe machen. Sie passt freundlicherweise auf meinen Hund Nuri auf, weil ich eine Lesung in Hamburg habe.

Yade Yasemin Önders »Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron« (2022, KiWi) wurde mit dem Debütpreis der lit.COLOGNE und dem Nicolas-Born-Debütpreis ausgezeichnet. Zuletzt erschien »Anti-Müller« (Park x Ullstein), mit dem Önder auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht.


Die große Literaturgeschichte …

… über die schönste Liebesgeschichte des Jahres

Schriftstellerin Dana Vowinckel

Schriftstellerin Dana Vowinckel

Foto: Lena Mucha / DER SPIEGEL

Mein Kollege Tobias Rapp hat die Schriftstellerin Dana Vowinckel in Berlin getroffen , deren zweiter Roman »Anton und Alma« auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht. Das Buch hat ihn nicht mehr losgelassen. »Natürlich ist dies auch eine deutsch-jüdische Liebesgeschichte, wie sollte es anders sein. Aber ihre beiden Protagonisten sind Menschen, keine Symbole. Sie verschwinden auch Tage nach Ende der Lektüre nicht aus den Gedanken des Lesers«, schreibt er.


Die aktuelle SPIEGEL-Bestsellerliste

Platz 12, Belletristik Hardcover: Soll noch mal jemand behaupten, auf der Bestsellerliste würde sich keine Literatur befinden, sondern nur Spaßbücher. Eva Menasses »Alleinruhelage« ist ein kraftvoller Roman über einen Neuanfang, über Familie, deutsch-deutsche Geschichte – und über ein Wochenendhaus.

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