Robert F. Kennedy Jr.:
»Das ist ein Faustkampf. Das ist die Apokalypse.«
»Es gibt keine sicheren und wirksamen Impfstoffe.«
»Es macht euch zu Sklaven!«
»Mein Onkel wurde nicht von einem einzelnen Mörder, sondern durch eine Verschwörung umgebracht.«
Caroline Kennedy, Autorin:
»Kein Wunder, dass er Raubvögel als Haustiere hält. Bobby selbst ist ein Raubtier.«
Maximilian Sepp, SPIEGEL:
Die Kennedys. So was wie die politische ›Königsfamilie‹ der USA. Bei manchen hing ein Bild von einem Kennedy schon mal neben dem von Jesus. Und vor allem steht ihr Name wie kein anderer für die demokratische Partei ...
O-Ton:
»Die Partei steht geschlossen hinter ihren Kandidaten.«
...jedenfalls bis zu diesem Kennedy hier:
Donald Trump, US-Präsident:
»Robert F. Kennedy Junior!«
Ein Kennedy als Gesundheitsminister von Donald Trump?
Naja, RFK Jr. war schon immer ein schwarzes Schaf der Familie.
Robert F. Kennedy Jr.:
»Ich war 14 Jahre lang heroinabhängig.«
Mittlerweile werfen ihm einige Verwandte sogar den ultimativen Verrat an ihrer Familie vor – und stellen sich gegen ihn.
Aber: Ruiniert RFK Jr. gerade das Erbe der Kennedys – oder führt er es weiter?
Das ist »Family Business« und hier erklären wir die Hintergründe zu den mächtigsten Familien der Welt.
In diesem Jahr feiern die USA ihre Unabhängigkeit. 250 Jahre frei von Königen und Dynastien. Und trotzdem gibt es einen quasi-royalen Clan, der politisch so mächtig ist, wie kaum eine andere Familie: die Kennedys. Immer fotogen, immer lächelnd, immer mit dem Anspruch, die USA zu einem besseren Land zu machen.
Das ist ihr Family Business.
Der bekannteste Kennedy von allen war er hier: JFK. Aber um den kümmern wir uns gleich noch. Heute steht eher sein Neffe im Rampenlicht: Robert F. Kennedy – oder kurz RFK – Junior. Der erste Kennedy seit den 1960er-Jahren, der wieder Teil der US-Regierung ist. Allerdings nicht, wie alle anderen Politiker in der Familie, für die Demokraten. Sondern für die Republikaner – und ausgerechnet für Donald Trump.
Marc Hujer, SPIEGEL:
»Ich glaube, es hat für ihn dann irgendwann eine Entscheidung gegeben darüber: Womit bekomme ich politische Macht? Und die hat er bei den Verrückten bekommen.«
Mein Kollege Marc Hujer hat RFK Jr. 2024 getroffen und für den SPIEGEL porträtiert. Und zwar an seinem Stammplatz: im Gym.
Auf Social Media inszeniert sich RFK Jr. mit 72 als topfitter Pumper. Mal challenged er seinen Ministerbuddy Pete Hegseth an der Klimmzugstange, mal macht er Cardio mit Kid Rock – in der Sauna... in Jeans.
Marc Hujer, SPIEGEL:
»Er weiß schon sehr genau, was er tut, glaube ich. Auch wenn es manchmal sehr verrückt erscheint. Aber er möchte eben anders sein als andere, das merkt man ihm schon sehr stark an.«
Er nennt das:
Robert F. Kennedy Jr.:
»Make America Healthy Again«
Kommt mir irgendwie bekannt vor.
RFK Jr. ist für viele Amerikaner das Gesicht eines neuen Gesundheits-Lifestyles geworden und Millionen Menschen feiern ihn dafür. Aber kurz vor dem Höhepunkt seiner Macht meldet sich seine Familie zu Wort.
Caroline Kennedy, Autorin:
»Ich kenne Bobby schon mein Leben lang. Wir sind zusammen aufgewachsen. […] Bobby ist süchtig nach Aufmerksamkeit und Macht.«
Im Januar 2025 veröffentlicht seine Cousine Caroline Kennedy dieses Video. Es ist eine Warnung. Denn kurz danach soll RFK Jr. vom US-Senat als Gesundheitsminister bestätigt werden. Und sie meint, ihr Cousin ist für ein Ministeramt bestimmt nicht der Richtige.
Caroline Kennedy, Autorin:
»Bobby beutet die Verzweiflung der Eltern kranker Kinder aus. Während er seine eigenen Kinder impfen lässt, hält er andere Eltern davon ab, ihre Kinder impfen zu lassen und baut so eine Gefolgschaft auf.«
Mit der Einschätzung ist Caroline Kennedy nicht die Einzige. So einige Familienmitglieder stellen sich mittlerweile öffentlich gegen RFK Jr. – unter anderem fünf seiner acht noch lebenden Geschwister. Und das liegt unter anderem an seinen teils radikalen Aussagen zum Impfen.
Ron Wyden, US-Senator:
»In einem Podcast sagten Sie im Juli 2023 wörtlich: ›Kein Impfstoff ist sicher und wirksam.‹«
Robert F. Kennedy Jr.:
»Ich sagte, es gibt keine Impfstoffe, die sicher und wirksam seien, und ich wollte weiter ausführen: ›… für alle und jeden.‹ Bei jedem Medikament gibt es Menschen, die darauf empfindlich reagieren.«
Aber eine Mehrheit im Senat ignoriert die Warnungen der Familie.
RFK Jr. wird Minister – als erster Kennedy seit über 60 Jahren.
Um zu verstehen, was RFK Jr. so anders macht als viele seiner Familienmitglieder, müssen wir in die Vergangenheit schauen. Denn die Kennedys sind nicht einfach eine reiche, mächtige Familie. Sie sind ein Projekt. Ein Family Business.
Marc Hujer, SPIEGEL:
»Die Kennedys waren auch die Ersten, die sozusagen so eine kuratierte Privatheit in die Öffentlichkeit gebracht haben. Also die haben ja nach Hyannis Port Fotografen eingeladen, und so einen Einblick gegeben.«
Vorbereitet wurde das alles von ihm hier – dem Familienpatriarchen und Großvater von RFK Jr. – Joseph Kennedy. Der macht ziemlich viel Kohle als Banker, Filmstudio-Investor, Alkoholhändler. In den 1930er-Jahren wird Joseph ein enger Berater von Präsident Franklin D. Roosevelt und während des Zweiten Weltkriegs US-Botschafter in Großbritannien.
Marc Hujer, SPIEGEL:
»Dieser Reichtum war nur Mittel zum Zweck, zu einem höheren Zweck. Und das war das politische Amt.«
Aber das ist Opa Joseph nicht genug. Ein Kennedy soll Präsident werden.
Die perfekte Kulisse für sein Family Business findet der Patriarch hier: in Hyannis Port.
Ein kleines, ziemlich reiches Hafenörtchen auf der Halbinsel Cape Cod, in Massachusetts. Zwischenzeitlich gehören der Familie hier fünf Ferienhäuser.
Auch Bobby Jr., wie der jüngere RFK von seiner Familie genannt wird, verbringt als Kind jeden Sommer in Hyannis Port, wie er sagt. Hier wird er geprägt und erzogen – als einer von 29 Cousinen und Cousins. Hier entstehen die ikonischen Bilder der Großfamilie – bis heute.
Kathrin Seelmann-Eggebert, Filmemacherin:
»Da sind 80 bis 100 Kennedys auf einem Haufen.«
Meine Kollegin Kathrin Seelmann-Eggebert ist Autorin mehrerer »SPIEGEL TV«-Dokus über die Kennedys. Und für die hat sie einige Mitglieder der Familie in Hyannis Port interviewt:
Kathrin Seelmann-Eggebert, Filmemacherin:
»Das ist so absurd. Weil du gehst diese Straßen lang und egal wer dir entgegenkommt, die haben ja alle das gleiche, dieses breite Kennedy-Lächeln. Die Kinder! Also selbst die zehn-, zwölfjährigen Kinder, die dir entgegenkommen. Du erkennst auf hundert Meter Entfernung: Das ist ein Kennedy.«
Hier werden aus Kindern Politiker gemacht. Dafür sorgt Opa Joseph – und gibt einen strengen Plan vor.
Zitat aus »American Values«:
»Vor dem Abendessen gab er seinen Kindern Rechercheaufgaben – zum Beispiel zur Unabhängigkeit Algeriens oder zum Sozialismus. Dann stachelte er sie zur Diskussion an, damit sie sowohl Verstand als auch Rückgrat entwickelten.«
So beschreibt es RFK Jr. in seinem Buch »American Values«.
Zitat aus »American Values«:
»Wenn ein Kind jammerte, klatschte er rhythmisch in die Hände – ›Ich will hier keine Miesepeter sehen.‹ Er wollte uns klarmachen, dass wir für unser Glück dankbar sein sollten; wer Trübsal zu bläst oder sich beschwert, sei verwöhnt.«
Josephs Plan geht auf. 1960 wird sein Sohn John F. Kennedy zum jüngsten Präsidenten der USA gewählt. Und macht den Traum der Kennedys wahr.
O-Ton:
»Die Amtszeit von John Fitzgerald Kennedy beginnt.«
JFK wird zum größten Politik-Popstar der Welt. Und mit seiner Frau Jackie zum Symbol für ein junges, modernes und besseres Amerika.
O-Ton:
»Wir wollen Kennedy! Wir wollen Kennedy! Wir wollen Kennedy!«
Seinen Bruder Robert, den Vater von RFK Jr., macht er zum Justizminister. Und kurz danach wird der jüngste Bruder, Ted Kennedy, auch noch Senator. Für den jungen Bobby Jr. werden die drei zu Vorbildern – Männer, denen er nacheifert. Er ist erst sechs Jahre alt, als JFK gewählt wird und darf seinen Onkel ab jetzt nur noch »President Kennedy« nennen.
Zitat aus »American Values«:
»Seine hohen Maßstäbe und Erfolge festigten das Gefühl, dass wir Teil einer heldenhaften Anstrengung waren, unserem Land dabei zu helfen, seine Ideale als vorbildliche Nation zu verwirklichen.«
Kathrin Seelmann-Eggebert, Filmemacherin:
»Deren Werte und deren Hoffnung für die Zukunft für das Land standen immer an erster Stelle in der Familie. Das war immer die Priorität. Nicht umsonst hat JFK auf seiner Inaugurationsrede gesagt …«
John F. Kennedy, ehemaliger US-Präsident †:
»Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern frage, was du für dein Land tun kannst.«
JFKs Leitspruch bleibt hängen – bei den Amerikanern und auch bei seinem Neffen RFK Jr.
Zitat aus »American Values«:
»Von Kindesbeinen an hatte ich immer das Gefühl, dass wir alle an einem großen Kreuzzug beteiligt waren, dass die Welt ein Schlachtfeld zwischen Gut und Böse war und dass unser Leben in diesem Konflikt aufgehen würde. Es wäre mein großes Glück, wenn ich dabei eine wichtige oder heldenhafte Rolle spielen könnte.«
Isabel Vincent, New York Post:
»Sein eigener Vater hatte ihm gesagt, als er noch jünger war, dass er am ehesten wie der Präsident sei. Also, dass er seinem Onkel am ähnlichsten sei.«
Isabel Vincent hat diese Biografie hier über RFK Jr. geschrieben und dafür mit vielen Menschen aus seinem Umfeld gesprochen.
Isabel Vincent, New York Post:
»Er war der mit dem Charisma, oder bei dem man schon in sehr jungen Jahren erkannte, dass er das Zeug dazu hatte, voranzugehen und eine Führungsrolle zu übernehmen.«
Doch während Bobby Junior schon als der nächste Kennedy gehandelt wird, der Amerika verändern soll, zerbricht seine heile Welt zum ersten Mal.
O-Töne:
»Es ist etwas in dem Konvoi passiert.«
»Kenndy wurde offenbar in den Kopf geschossen. Er fiel kopfüber auf den Rücksitz seines Autos.«
»Präsident Kennedy ist um Ein Uhr nachts verstorben.«
Der 22. November 1963: JFK wird bei einer Parade in Dallas, Texas, erschossen. Ein Schock für die Welt. Und eine Zäsur im Projekt der Kennedys.
Bobby Jr. ist damals neun Jahre alt. Ein Kind.
Und trotzdem erinnert er sich, auch knapp 40 Jahre später im »SPIEGEL-TV«-Interview mit meiner Kollegin Kathrin noch ziemlich genau daran, was sein Vater ihm und seinen Geschwistern an diesen Tag erzählt hat:
Robert F. Kennedy Junior:
»Ich möchte, dass ihr euch merkt, was Jack in dieser Welt zu erreichen versucht hat. Er hatte ein großartiges, wundervolles Leben. Aber er hat auch versucht, den Armen zu helfen. Er hat versucht, Frieden zu stiften. Ich will, dass ihr das auch Zeit eures Lebens tut.«
Kathrin Seelmann-Eggebert, Filmemacherin:
»Auch da merkt man wieder: Es geht um Amerika, es geht um die Bevölkerung, es geht um das Wohl. Es geht nicht um den kleinen Bobby Junior, dass er jetzt seinen Onkel verloren hat.«
Bei den Kennedys sind tragische Tode keine Seltenheit: drei Familienmitglieder stürzen mit Flugzeugen ab, eins stirbt bei einem Skiunfall, andere nach Drogenüberdosen oder eben durch Attentate. Das ist es, was manche den »Kennedy-Fluch« nennen.
Und der macht auch vor Bobby Jrs. großem Vorbild keinen Halt: seinem Vater, der 1968 Präsident werden will.
O-Ton aus einer »SPIEGEL TV«-Dokumentation:
»Nach John gilt nun Robert Kennedy als neuer Hoffnungsträger. 1968 gewinnt er die Präsidentschaftsvorwahlen in Kalifornien. Am 4. Juni hält er in einem Hotel in Los Angeles eine Dankesrede vor seinen Anhängern. Kurz nach Mitternacht schießt ihn ein Attentäter nieder und verletzt ihn lebensgefährlich.«
Also nochmal ganz kurz: RFK Jr. ist neun als sein Onkel erschossen wird, und als er 14 ist, wird auch noch sein Vater getötet? Und die ganze Welt schaut dabei zu, wie ein Junge den Sarg seines Vaters begleitet.
Marc Hujer, SPIEGEL:
»Und man fühlte so mit. Und das war auch ein Teil dieser tragischen Geschichte, die diese Familie ja ausgemacht hat. Man kann diese Familie nur verstehen mit den Toden und der Tragik, die diese Familie immer begleitet hat.«
Zwei Attentate in einer Familie. Zwei Vorbilder. Und trotzdem: Die Kennedys haben eine Mission. Und Robert F. Kennedy Junior will sie erfüllen.
Schule ist nicht so sein Ding. Lieber ist RFK Jr. in der Natur unterwegs oder trainiert seinen eigenen Bussard, den sein Vater ihm geschenkt hat, als er elf war. Oder er baut Mist mit seiner kleinkriminellen Jugendgang: den »Hyannis Port Terrors«.
Aber: Er macht sich. Erst Harvard – wie es von einem Kennedy erwartet wird –, später Jura in Virginia. Und mit 28 heiratet er seine Studienliebe und bekommt einen Job beim Staatsanwalt von Manhattan – ein alter Freund der Familie.
Marc Hujer, SPIEGEL:
»Man hat ja mit diesem Namen doch immer wieder Zugang. Er wollte unbedingt etwas sein, etwas darstellen. Und insofern hat er auch immer was gefunden.«
Er scheint es nach ein paar Jugendsünden endlich geschafft zu haben. Doch RFK Jr. hat ein dunkles Geheimnis.
O-Ton:
»Am 04. Juli 1969, ziemlich genau ein Jahr nach dem Tod seines Vaters, ist RFK Jr. auf dem Heimweg von einer Party in der Nähe von Hyannis Port. Zu Fuß. Auf einmal hält ein Auto neben ihm. Es ist Jeff O’Neal, ein etwas älterer Bekannter. Er fragt RFK Jr., ob er ihn mitnehmen soll. Und dann bietet er dem 15-jährigen Kennedy-Halbwaisen LSD an.«
In seinem Buch beschreibt er diesen Moment so:
O-Ton:
»Bis zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben hatte ich mir geschworen, niemals Drogen oder Alkohol zu nehmen Ich hatte noch nicht einmal Kaffee probiert. Allerdings hatte ich kürzlich aus meinem Lieblingscomic, ›Turok, Son of Stone‹, erfahren, dass Halluzinogene es mir ermöglichen könnten, Dinosaurier zu sehen – und das wünschte ich mir sehr. Jeff O’Neil sagte mir, dass das sehr wahrscheinlich funktionieren würde, also schluckte ich das LSD, das sein Versprechen mehr als einlöste. Gebäude schmolzen wie Wachskerzen; Bäume neigten sich und schwankten in einer windstillen Nacht; helle Lichter mit langen Kometenschweifen verliehen Hyannis Port die fröhliche Aura von Weihnachten im Juli.«
In derselben Nacht probiert RFK Jr. auch noch Crystal Meth. Ein paar Wochen später spritzt er sich schon Heroin. Und darauf bleibt er hängen – für die nächsten 14 Jahre.
Das bedeutet: Während seiner ganzen Zeit in Harvard, während seines Jura-Studiums und selbst bei seiner Hochzeit ist RFK Jr. heroinabhängig.
Und trotzdem versucht er, die Fassade des Bilderbuch-Kennedys aufrecht zu halten.
Bis er 1983 mit einer kleinen Menge Heroin am Flughafen erwischt und festgenommen wird und sein Doppelleben auffliegt. Einige Monate später stirbt auch noch sein Bruder David, ausgerechnet an einer Überdosis.
Isabel Vincent, New York Post:
»Viele Leute sagten damals, Bobby sei es gewesen, der ihn an Drogen herangeführt habe. Die Familie hat ihm die Schuld an Davids Tod gegeben.«
Kathrin Seelmann-Eggebert, Filmemacherin:
»Ich glaube, dass Robert Kennedy, wenn er das noch miterlebt hätte, wie seine Kinder – nicht alle, aber einige von seinen Kindern – Drogenkonsumenten werden, Alkoholiker werden, Probleme haben mit sonst welchen Substanzen... Ich glaube, da würde der sich im Grabe umdrehen.«
Spätestens jetzt ist Bobby Jr. das schwarze Schaf der Kennedys. Er will seinen Ruf wiederherstellen. Für sich und für seine Familie.
Isabel Vincent, New York Post:
»Er wurde verhaftet. Und weil er ein Kennedy ist, kommt er quasi ungeschoren davon. Der Richter sagt: ›Na gut, dann gehen Sie in eine Entzugsklinik‹ Sie können ja etwas Ehrenamtliches machen.«
RFK Jr. macht einen Entzug und geht zu einer Selbsthilfegruppe. Wie er sagt: bis heute. Jeden Tag. Und er findet seine neue Mission, als er seine Sozialstunden ableistet – in einem Umweltschutzprogramm.
Er beschreibt das so:
Zitat RFK Jr.:
»Der Kampf um die Umwelt ist der entscheidende Kampf für Bürger- und Menschenrechte.«
Sein Onkel JFK hat sich für die Rechte der Schwarzen Bevölkerung eingesetzt.
Sein Vater für ärmere Menschen. Jetzt scheint RFK Jr. endlich auch sein Thema gefunden zu haben: der Kennedy, der die Umwelt rettet.
Marc Hujer, SPIEGEL:
»Das war im Bereich dessen, was die Familie für gut befunden hat, im Bereich dessen, was die Demokratische Partei auch für sich als Thema entdeckt hat.«
Er wird Dozent, hält gut dotierte Vorträge über Umweltschutz und selbst die Presse, die feiert ihn als »Helden« und neuen »Kennedy, auf den es ankommt.
Es sieht so aus, als wäre sein Image als Kennedy wiederhergestellt, bis die Journalistin Isabel Vincent eine Geschichte über RFK Jr. ans Licht bringt.
Isabel Vincent, New York Post:
»Ich habe mit meiner Quelle zu Abend gegessen. Als ich von der Toilette zurückkam, hing eine Plastiktüte mit riesigen Büchern an meinem Stuhl. Meine Quelle sagte nichts und wollte nichts weiter damit zu tun haben. Als ich dann in die U-Bahn stieg, wurde mir klar: Oh mein Gott, das sind die Tagebücher von Bobby Kennedy Jr.!«
Auf einmal hat Isabel Vincent Zugang zu RFK Jrs. Gedanken- und Gefühlswelt in den Jahren 1999 bis 2001. Drei dicke handgeschriebene Tagebücher, 1200 Seiten. Ein gefundenes Fressen für die Boulevardmedien.
Isabel Vincent, New York Post:
»Ich wusste, dass sie echt waren, weil meine Quelle seiner zweiten Frau Mary sehr nahestand.«
Mary Richardson ist RFK Jrs. zweite Ehefrau und Mutter von vier seiner Kinder. 2010 trennen sich die beiden, und gehen durch eine unschöne Scheidung. Und die Journalistin Isabel Vincent sagt, Mary habe die Tagebücher mitgehen lassen, um sie als Druckmittel im Scheidungskampf nutzen zu können.
2012 nimmt sich Mary Richardson das Leben. Die Tagebücher kommen zu Isabel Vincent. Und sie schreibt in der New York Post über seine »geheimen Sex-Tagebücher«.
Isabel Vincent, New York Post:
»Er trug die Vornamen dieser Frauen in ein Register hinten in den Tagebüchern ein und wies ihnen eine Zahl zwischen 1 und 10 zu. Laut Mary, seiner zweiten Frau, zeigten diese Zahlen, wie weit er es mit der jeweiligen Frau getrieben hatte. Dabei bedeutete die Zahl 10, dass er mit ihr bis zum Äußersten gegangen war.«
RFK Jr. beschreibt in seinen Tagebüchern zahlreiche Affären und – Zitat – »Lustdämonen«. Die Einträge zeigen ein Selbstbild – und auch ein Frauenbild –, das zum eigenen Bild der Kennedys eigentlich nicht passt.
Gerüchte über die Kennedy-Männer und einen Hang zu Affären gibt es zahlreiche: da sind einmal Opa Joseph und die Hollywood-Schauspielerin Gloria Swanson – und noch berühmter: JFK und Marilyn Monroe. Und trotzdem plagen RFK Jr. Schuldgefühle.
Isabel Vincent, New York Post:
»Es gibt da eine wirklich schlimme Stelle, an der er sagt: ›Ich wusste, dass Daddy …‹ – er nennt ihn ›Daddy‹, obwohl er zum Zeitpunkt des Schreibens schon 47 Jahre alt ist. ›Ich wusste, dass Daddy auf mich herabblickte und enttäuscht war, aber mich trotzdem liebte. Er wusste, dass ich undiszipliniert war, ein Frauenheld und Süchtiger.‹ Aber er wollte trotzdem Gutes tun. Er wollte seinem Vater immer noch gefallen.«
Sein Image als moralisch sauberer Umwelt-Kennedy ist also angekratzt. An seiner Mission ändert das aber nichts.
Robert F. Kennedy Jr.:
»In dem Moment, in dem euch dieser Impfpass ausgehändigt wird, verwandeln sich all eure Rechte in Privilegien, die von eurer Unterwerfung unter staatliche Willkür abhängen. Er macht euch zu Sklaven! «
Die Coronapandemie: Für die meisten von uns eine Herausforderung. Für manche sogar eine Katastrophe. Für RFK Jr. ist es: der Moment.
Er wird eines der bekanntesten Gesichter für das Misstrauen gegen Behörden, die Pharmaindustrie und Impfungen. Er steht auf Bühnen, tritt auf Demos auf – von Washington, D.C. bis Berlin. Und er findet seinen Endgegner: Anthony Fauci, so was wie der Drosten der USA. Und über den schreibt er sogar ein ganzes Buch, das hier. Und das wird zum Bestseller.
Isabel Vincent, New York Post:
»Sein Buch über Fauci ist wirklich zu seinem Manifest geworden. Damit wollte er für das Präsidentenamt kandidieren.«
Plötzlich ist er also nicht mehr nur ein Kennedy mit einem Thema, sondern ein Held des Anti-Establishments. Dabei ist seine Famile ja eigentlich genau das: das demokratische Establishment. Deswegen wollen die Kenendys das auch nicht auf sich sitzen lassen.
Zwei Geschwister und eine Nichte von RFK Jr. distanzieren sich schon im Mai 2019 öffentlich von ihm. Sie schreiben, er sei Teil einer »tödlichen Desinformationskampagne« gegen Impfstoffe.
Dass ihm das Thema Impfen die gewünschte Aufmerksamkeit bringen kann, versteht RFK Jr. schon lange vor Corona.
O-Ton:
Im Sommer 2003 steht auf einmal eine Frau vor seiner Tür in Hyannis Port. In der Hand hält sie einen Karton voller Akten. Sie ist überzeugt: Eine Impfung habe ihr Kind krank gemacht. RFK Jr. zögert erst, aber er nimmt sich der Sache an. Und aus der Suche nach einer neuen Mission wird langsam sein nächster »Kreuzzug«.
Isabel Vincent, New York Post:
»Er sah darin nicht nur einen neuen Kreuzzug, an dem er sich beteiligen konnte, sondern auch eine Möglichkeit, viel Geld zu verdienen – etwa durch Klagen gegen Pharmaunternehmen.«
Die Biografin Isabel Vincent meint, diese Geschichte könnte der Auslöser dafür sein, dass sich RFK Jr. in den kommenden Jahren immer tiefer in Verschwörungserzählungen verstricken wird.
Er scheint abzutauchen in eine immer dunklere Welt aus Gefahren und Verschwörungen: Impfungen würden krankmachen, Wasser und Lebensmittel seien verseucht und die Behörden korrupt. Und die Wahrheit über die Attentate an seiner Familie sei immer noch nicht ans Licht gekommen.
Robert F. Kennedy Jr.:
»Mein Onkel wurde nicht von einem einzelnen Mörder, sondern durch eine Verschwörung umgebracht.«
Und da passt so eine weltweite Pandemie natürlich ganz gut in seine Agenda.
Nach all den Schwierigkeiten und Tiefpunkten seines Lebens hat Robert F. Kennedy Jr. endlich die Community gefunden, die ihn ins Weiße Haus bringen soll. Er will seine Mission als Thronfolger erfüllen.
Robert F. Kennedy Jr.:
»Ich bin Robert F. Kennedy Jr. und kandidiere für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten.«
Zuerst versucht er es bei den Demokraten – der Partei seines Vaters, seines Onkels und von Joe Biden. Doch das Establishment schlägt zurück:
O-Ton:
»Mein Name ist Joe Kennedy. Rory Kennedy. Kathleen Kennedy-Townsend. Chris Kennedy. Wir sind hier, um Joe Biden voller Stolz unsere Unterstützung auszusprechen.«
Insgesamt 15 Mitglieder der Kennedy-Familie stellen sich öffentlich hinter Joe Biden.
Und Bobby Jrs. Geschwister Chris und Rory setzen sogar noch einen drauf:
Chris Kennedy, Unternehmer:
»Ich denke, Joe Biden ist der RFK seiner Generation.«
Rory Kennedy, Regisseurin:
»Das ist ein Präsident, der das Kennedy-Vermächtnis verkörpert.«
Bei den Demokraten hat er jedenfalls kaum eine Chance. RFK Jr. tritt jetzt als unabhängiger Kandidat an und versucht dabei einen Drahtseilakt.
Marc Hujer, SPIEGEL:
»Er dreht ja sozusagen die Erzählung. Er sagt ja, dieses Land hat sich verwandelt. ›Ich bin nicht derjenige, der sich gewandelt hat.‹ Seine Erzählung ist ja eine andere.«
Robert F. Kennedy Jr.:
»Ich habe die Demokraten nicht verlassen. Die Demokraten haben mich verlassen.«
Marc Hujer, SPIEGEL:
»Er sagt: ›Ich bin der letzte Vertreter, der für die Werte der Kennedys steht. Die demokratische Partei und ein Großteil meiner Familie hat sich davon verabschiedet und ich bin der Fackelträger, der diese Familie in die Zukunft führt.‹«
Aber ein Ereignis stellt den gesamten Wahlkampf auf den Kopf.
Und so landet er da, wo er heute ist: Im Zentrum der Macht. Als Teil der Regierung. Neben Donald Trump.
Donald Trump, US-Präsident:
»Wir werden Amerika wieder gesund machen!«
Kathrin Seelmann-Eggebert, Filmemacherin:
»Sich zu entscheiden zu den Republikanern zu gehen... also das ist das Schlimmste, was du deiner Familie, den Kennedys, antun kannst.«
Für viele Familienmitglieder ist es der ultimative Verrat.
Isabel Vincent, New York Post:
»Sie hassen ihn abgrundtief und sind der Meinung, dass er dem Ruf der Kennedys massiv geschadet hat.«
Vielleicht ist das die größte Angst der Familie: dass Bobby Jr. ihr Vermächtnis ruinieren könnte.
Marc Hujer, SPIEGEL:
»Ich glaube wirklich, dass das, was er macht, irgendwie das Ende der Kennedys ist, wie wir sie kennengelernt haben. Ich glaube nicht, dass es da noch einen Weg zurück gibt. Das ist nun mal erledigt.«
RFK Jr. hat sein Leben lang versucht, dem Idealbild eines Kennedys gerecht zu werden. Aber gerade dieser Versuch hat das Bild verschoben: Er hat die Kennedys als Institution der Demokraten ins Wanken gebracht, ihr Vertrauen in die Wissenschaft aufgekündigt und sich auf die Seite eines Populisten geschlagen.
Der Name Kennedy strahlt nicht mehr so hell wie früher. Aber kann er ihn wirklich ruinieren?
Isabel Vincent, New York Post:
»Der Ruf lässt sich nicht auslöschen. Es gibt einfach so eine Faszination für den amerikanischen Adel und sie sind der amerikanische Adel, ob wir sie mögen oder nicht.«
… wahrscheinlich nicht.
Er selbst verkauft sein Handeln als Kennedy-Tradition: den Anspruch aufs höchste Amt.
Isabel Vincent, New York Post:
»Ich glaube nach wie vor, dass er 2028 für das Präsidentenamt kandidieren wird. […] Ich glaube, er kann einfach nicht anders. Er wird es tun.«
Das war Family Business!
Ich hoffe, es hat euch gefallen. Wenn ja, dann schreibt’s uns gerne in die Kommentare. Falls ihr noch Wünsche oder Ideen habt, welche Familie wir uns als nächstes vorknüpfen sollten, dann schreibt uns eine Mail an family.business@spiegel.de
Vielen Dank für’s Zuschauen und bis zum nächsten Mal!
Verrat an der Familie: https://x.com/KerryKennedyRFK/status/1827061350452887816?lang=de
Kennedys in den 1960ern: Munzinger - Internationales biographisches Archiv: Robert Francis Kennedy
SPIEGEL-Porträt von Marc Hujer: https://www.spiegel.de/ausland/us-wahl-robert-f-kennedy-jr-loest-mit-seinem-wechsel-zu-den-republikanern-kontroversen-aus-a-2824aa1a-6023-438f-8a6b-4414d54392c1
RFK Jr. auf Social Media: https://www.instagram.com/robertfkennedyjr/?hl=en
RFK Jr. im US-Senat: https://www.spiegel.de/ausland/robert-f-kennedy-jr-bestreitet-vor-senat-impfgegner-zu-sein-a-cb675b6c-0e2f-4f77-a208-12db30ace386
Kennedy-Statement gegen RFK Jr.: https://x.com/KerryKennedyRFK/status/1827061350452887816?lang=de / https://www.youtube.com/shorts/e427OWfZEyo
Joseph Kennedy: Munzinger - Internationales biographisches Archiv: Joseph Patrick Kennedy
Eigener Anspruch der Kennedys: https://www.spiegel.de/kultur/der-letzte-erbe-a-b7cf1b24-0002-0001-0000-000066696074
Die Kennedys in Hyannis Port: American Values, S. 3
RFK Jr.s Kindheit in Hyannis Port: American Values, S. 3
RFK Jr.s Verhältnis zu JFK: American Values, S. 96
Die erste Zäsur in RFK Jr.s Leben: The fall and rise, S.51ff.
»Der Kennedy-Fluch«: https://www.planet-wissen.de/geschichte/persoenlichkeiten/die_kennedys/pwieschicksalsschlaegederkennedys100.html
Falknerei als Hobby: American Values, S. 108 / https://youtu.be/cAuYKHAGLOA?t=4900
»Hyannis Port Terrors«: https://www.theguardian.com/us-news/ng-interactive/2024/jun/09/rfk-biden-trump-2024-election
Studium und erste Hochzeit: Munzinger - Internationales biographisches Archiv: Robert Francis Kennedy Jr. / The Fall and Rise, S. 87f.
Erste Drogenerfahrung 1969: American Values, S. 381ff.
Weitere Drogenerfahrungen 1969: https://youtu.be/cAuYKHAGLOA?t=4781
Festnahme 1983: https://youtu.be/cAuYKHAGLOA?t=5044
Tod von David Kennedy 1984: https://www.planet-wissen.de/geschichte/persoenlichkeiten/die_kennedys/pwieschicksalsschlaegederkennedys100.html
Entzug und Suchtberatung: https://www.facebook.com/HHS/videos/secretary-kennedy-ive-been-43-years-in-recovery-and-these-12-step-programs-saved/878977554751703
Verdienste als Dozent: Munzinger-Archiv / https://www.nytimes.com/2023/11/16/us/rfk-jr-finances.html / https://www.washingtonpost.com/politics/2024/03/02/robert-f-kennedy-jr-rfk-riverkeeper-egg-smuggler/?utm_campaign=wp_main&utm_medium=social&utm_source=reddit.com /
Mary Richardson: Munzinger - Internationales biographisches Archiv: Robert Francis Kennedy Jr.
Scheidung RFK Jr. / Richardson: https://nypost.com/2013/09/08/rfk-jr-s-sex-diary-of-adultery/
Joseph Kennedy und Gloria Swanson: https://www.washingtonpost.com/archive/lifestyle/1987/03/22/the-kennedys-joe-sr-the-gloria-swanson-affair/177040b7-d53a-4365-a6e4-114db2046ce9/
JFK und Marilyn Monroe: https://www.bild.de/unterhaltung/stars-und-leute/marilyn-monroe-sex-mit-zwei-kennedys-in-einer-nacht-67275055ebdb8724738e77a2
RFK Jr. wird ein Gesicht des Misstrauens: https://youtu.be/w6tPD4bDIIk / https://youtu.be/5cUY9dj9emI / https://youtu.be/joiLT2IT2qQ
RFK Jr. als Held des »Anti-Establishments«: https://www.faz.net/aktuell/politik/usa-unter-trump/wie-rfk-jr-vom-demokraten-zum-trump-minister-wurde-accg-110817334.html / https://www.spiegel.de/ausland/us-praesidentschaftskandidat-robert-f-kennedy-jr-joe-bidens-albtraum-a-0713fb61-1dee-4ba8-814f-b1809f642337
Kennenlernen von RFK Jr. und Sarah Bridges: Rise and Fall, S.182 / https://childrenshealthdefense.org/about-us/history-of-chd/
Verschwörungserzählungen von RFK Jr.: https://youtu.be/3KYlUyoENJs?t=201 / https://www.c-span.org/clip/senate-committee/sen-bernie-sander-and-robert-f-kennedy-jr-exchange-on-corruption/5151672 / https://edition.cnn.com/2025/09/08/politics/kennedy-health-agencies / https://www.sueddeutsche.de/politik/usa-kennedy-attentat-cia-verschwoerungstheorie-li.3165120?reduced=true
15 Kennedys unterstützen Biden: https://www.reuters.com/world/us/biden-win-kennedy-family-endorsement-philadelphia-2024-04-18/
Verrat: https://x.com/KerryKennedyRFK/status/1827061350452887816
