SpOn 15.09.2026
12:13 Uhr

Stuttgart 21: Gutachter zweifelt an eigener Studie zu Großprojekt der Deutschen Bahn


2011 wollten die Bahn und das Beratungsunternehmen SMA die Leistungsfähigkeit des Großprojekts belegen. Nun distanziert sich der damalige SMA-Chef von den eigenen Berechnungen – diese seien aber wertlos.

Stuttgart 21: Gutachter zweifelt an eigener Studie zu Großprojekt der Deutschen Bahn

Der frühere Chef des Schweizer Verkehrsberatungsunternehmens SMA hat Zweifel an dem von ihm durchgeführten Stresstest für das Bahnprojekt Stuttgart 21 geäußert. Die Berechnungen seien aber wertlos gewesen, sagt Ex-SMA-Chef Werner Stohler in einem Interview für den Film »Die sieben Todsünden von Stuttgart 21«, wie der SWR berichtet . Der Stresstest sollte 2011 die Leistungsfähigkeit des geplanten Tiefbahnhofs belegen und Kritiker des Projekts überzeugen. Bis heute beruft die Bahn sich auf ihrer Projektwebseite  darauf.

Das Pannenprojekt der Deutschen Bahn sorgt seit Jahren für Negativschlagzeilen. Zuletzt verzögerte sich die Inbetriebnahme erneut, nun soll der Bahnhof frühestens Ende 2031 fertig werden. Der Bau begann 2010. Ursprünglich sollte der Bahnhof 2019 eröffnet werden, danach war der Dezember 2026 geplant. Doch bereits kurz nach ihrem Amtsantritt entschied Bahn-Chefin Evelyn Palla , dass auch dieser Termin nicht eingehalten werden kann.

Stuttgart-21-Befürworter gewannen Volksabstimmung deutlich

Der Stresstest ging 2011 auf die Schlichtungsversuche des CDU-Politikers Heiner Geißler zurück. Auf 202 Seiten legten SMA und Deutsche Bahn damals dar, »dass die geforderten 49 Ankünfte im Hauptbahnhof Stuttgart in der am meisten belasteten Stunde und mit dem der Simulation unterstellten Fahrplan mit wirtschaftlich optimaler Betriebsqualität abgewickelt werden können«. Und weiter hieß es: »Die vom Schlichter geforderten anerkannten Standards des Eisenbahnwesens sind eingehalten.«

Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, damals als Grünenpolitiker einer der Wortführer gegen das Großprojekt, sagte dem SPIEGEL nach der Veröffentlichung des Gutachtens: »Die Bahn hat trotz aller Verrenkungen, das Ergebnis zu schönen, ihr Ziel klar verfehlt.«

Vor einer Volksabstimmung über den möglichen Ausstieg des Landes Baden-Württemberg aus der Finanzierungsvereinbarung zu dem Projekt im November 2011 lieferte der vermeintlich erfolgreiche Stresstest den Neubaubefürwortern entscheidende Argumente. Sie gewannen die Abstimmung mit 58,9 Prozent, deshalb blieb das grün-rot geführte Bundesland bei Stuttgart 21 an Bord.

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Jetzt sagt Ex-SMA-Chef Stohler laut SWR, er habe selbst nicht an die Berechnungen geglaubt. Konfrontiert mit der Aussage Stohlers teilt die Deutsche Bahn laut SWR mit, dass alle Projektpartner – also auch SMA – den Stresstest anerkannt hätten. »Der Durchgangsbahnhof mit acht zu- bzw. abführenden Gleisen kann deutlich mehr Zugverkehr abwickeln als der heutige Kopfbahnhof mit insgesamt nur fünf zu- bzw. abführenden Gleisen und vielen Kreuzungskonflikten im Gleisvorfeld«, zitiert der SWR das Unternehmen.

Zudem beruhigt die Deutsche Bahn, das Pilotprojekt »Digitaler Knoten Stuttgart« erhöhe die Kapazität des Bahnhofs »zusätzlich«. Dank automatisierter Steuerung könnten Züge in kürzeren Abständen fahren, also mehr Züge pro Gleis in der gleichen Zeit. Tatsächlich könne Stuttgart 21 nur deswegen den im sogenannten Deutschlandtakt für die Zukunft geplanten dichten Verkehr bewältigen, meint etwa Lukas Iffländer , Vorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn. Dieses Vorzeigevorhaben für die Digitalisierung der Bahn in Deutschland wurde erst 2020 beschlossen. Fehler bei der dafür nötigen nachträglichen Umplanung des Baus gelten aber als Hauptgrund für die jüngste Verschiebung des Eröffnungstermins von Dezember 2026 um mindestens fünf Jahre.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes war eine Aussage des damaligen SMA-Chefs missverständlich formuliert. Wir haben die Stelle angepasst.

jml/ahh