„Der Kaiser ließ sich, ohne den Helm abzunehmen, mit Marschallstab in der Hand, auf dem Throne nieder und schaute mit tiefernster Miene dem jugendlichen Prinzen entgegen, der unter tiefer Verbeugung in der Thür des Saales erschienen war.“ So wurde das merkwürdige Ritual beschrieben, das sich am 4. September 1901 im Neuen Palais in Potsdam ereignete. Der Mann an der Tür hieß Chun und war ein Prinz der in China regierenden Qing-Dynastie. Aber von kaiserlicher Ebenbürtigkeit war nicht die Rede, im Gegenteil. Chuns Auftritt war der demütigende Höhepunkt einer „Sühnemission“, die Kaiser Wilhelm II. in das „Boxerprotokoll“ hatte aufnehmen lassen, das vier Tage später in Peking unterzeichnet wurde. Es setzte den Schlusspunkt unter den sogenannten Boxeraufstand. Im 19. Jahrhundert war das Kaiserreich China nur noch ein Schatten seiner selbst. Misswirtschaft, Hungerkatastrophen und Unruhen wie der Taiping-Aufstand, der allein 30 Millionen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article232558649/Zeng-Guofan-Der-Taiping-Aufstand-kostete-30-Millionen-Opfer.html) Tote gefordert hatte, erschütterten das Land und die Autorität der Qing, die 1644 mit dem Eroberungszug der Mandschu an die Macht gekommen waren. Die beiden Opiumkriege gegen England und Frankreich (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article210662005/Zweiter-Opiumkrieg-Diese-Demuetigung-vergisst-China-nicht.html) hatten die Überlegenheit westlicher Technik demonstriert; eine Niederlage gegen Japan folgte (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article238192541/Shimonoseki-Vertrag-Wie-Japan-China-zur-Beute-machte.html) . Zwar hatten sich die Kolonialmächte auf Druck der USA darauf geeinigt, das Kaiserreich nicht zu zerstückeln, sondern nach dem Prinzip der „offenen Tür“ auszubeuten. Aber dennoch erzwangen einzelne Mächte (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/plus237002499/Russisch-Japanischer-Krieg-Japaner-wurden-als-Aeffchen-mit-Schlitzaugen-und-gelber-Haut-dargestellt.html) in „ungleichen Verträgen“ die „Verpachtung“ von Gebieten. Der Versuch von Reformern, ein umfassendes Modernisierungsprogramm in Gang zu setzen, scheiterte am Widerstand der konservativen Hofclique um die Kaiserwitwe Cixi (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article235310600/Chinas-Kaiserin-Cixi-Ein-Eunuch-trug-sie-nackt-ins-Schlafzimmer-des-Kaisers.html) , die sich in einem Staatsstreich an die Macht putschte. In dieser Situation fanden auf dem Land Verarmte, Enttäuschte und Entwurzelte vor allem im Norden Chinas zusammen, bewaffneten sich nach dem Vorbild traditioneller Kampfschulen und schlossen sich zur Bewegung „Fäuste für Gerechtigkeit und Harmonie“ (Yihetuan) zusammen. Massentrancen und Unverwundbarkeitsrituale mehrten schnell ihre Anhängerschaft. Was westlichen Beobachtern abfällig als „Boxer“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article215500680/Boxeraufstand-Chinas-Hass-auf-die-haarigen-Barbaren.html) erschien, waren heterogene Gruppen, die der Hass auf die „weißen Teufel“ und die Christen im Allgemeinen einte. Denn auch die westlichen Missionare genossen die Privilegien ihrer Staaten, sodass die Gläubigen, die sie in China gewannen, als Kollaborateure galten. Sie wurden die ersten Opfer der „vereinigten Faustkämpfer“. Zugleich wurden die „haarigen Barbaren“ attackiert, denen vorgeworfen wurde, die Brunnen zu vergiften, Kleinkindern die Augen und Herzen auszuschneiden und dadurch alle Katastrophen des Landes heraufzubeschwören. Denn im Grunde war „der Boxeraufstand eine Rebellion gegen die Moderne“, schreibt der Hamburger Sinologe Kai Vogelsang (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Kai_Vogelsang) . Marodierend gingen die Boxer gegen ausländische Einrichtungen vor. Zehntausende Christen wurden ermordet. Im Mai 1900 erreichte die Bewegung die Hauptstadt Peking. Um das exterritoriale Gesandtschaftsviertel zu sichern, rückte eine britische Streitmacht zur Unterstützung von der Küste heran, wurde aber zurückgeschlagen. Die 475 ausländischen Zivilisten, 2300 chinesischen Christen und 450 Soldaten sahen sich von 20.000 Chinesen eingeschlossen. Als sich der deutsche Gesandte Clemens von Ketteler am 20. Juni (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article250728796/Boxeraufstand-Alles-was-uns-in-den-Weg-kam-wurde-abgeschlachtet-Wie-da-die-Weiber-schrien.html) auf den Weg ins Außenministerium machte, wurde er von einem mandschurischen Soldaten erschossen. Das eröffnete Wilhelm II. die Chance, den Oberbefehl über das Expeditionskorps zu fordern, das mit Truppen aus Russland, Frankreich, Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien, Japan, den USA sowie England samt Australien und Indien die Eingeschlossenen entsetzen sollte. Als eine internationale Flotte am 17. Juni das Feuer auf die Küstenforts von Dagu eröffnete, sah der Kaiserhof die Chance, sich an die Spitze der Rebellion zu stellen, und rief zum Krieg gegen „die Ausländer“ auf. Die Provinzgouverneure wurden angewiesen, „die Grenzen zu verteidigen“. Die Boxer skandierten nicht mehr „Stürzt die Qing“, sondern „Unterstützt die Qing, tötet die Fremden“. Aber die Bereitschaft der chinesischen Armee, sich gegen die anrückenden Alliierten zu stellen, hielt sich in Grenzen. „Zu groß schien deren technologische und taktische Überlegenheit“, schreibt der Historiker Martin H. Schulz (verlinkt auf https://zms.bundeswehr.de/de/zmsbw-ueber-uns-ueberblick/zmsbw-mitarbeiter-schulz-5768118) in der Zeitschrift „Militärgeschichte“ (verlinkt auf https://zms.bundeswehr.de/de/publikationen-ueberblick/militaergeschichte-zeitschrift-historische-bildung-heft-2026-3-6123114) . Am 14. August marschierten die „fremden Teufel“ siegreich in Peking ein. Um ihr Regime zu retten, unternahm Cixi erneut eine Kehrtwende und erklärte die „Boxer“ zu den Verantwortlichen für die Niederlage. Teile des französischen und des 17.000 Mann umfassenden deutschen Hauptkontingents samt Oberbefehlshaber Alfred von Waldersee trafen erst nach dem Einzug der Alliierten in China ein. Umso intensiver widmeten sich vor allem ihre Soldaten der Jagd auf „Boxernester“. Schließlich hatte Wilhelm II. seine Leute in Bremerhaven mit markigen Worten verabschiedet: „Pardon wird nicht gegeben; Gefangene nicht gemacht ... Wie vor 1000 Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht … so möge der Name Deutschland in China in einer solchen Weise bekannt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.“ In diesem Sinn führten die deutschen Soldaten zwar keinen Vernichtungskrieg, praktizierten aber eine „Vernichtung im Krieg“, urteilt der Historiker Thoralf Klein (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Thoralf_Klein) . Jeder Chinese, „der mit einer Waffe oder einem waffenähnlichen Gegenstand getroffen wird“, sei „als Feind zu betrachten und wird niedergemacht“, lautete ein Befehl. Es wurde „alles niedergemetzelt, was uns in die Finger kam, dabei wurden weder Weib noch Kind verschont. Gegen Abend brannten wir die ganze Stadt nieder. Ich sah an diesem Tag eher einem Metzger als einem deutschen Soldaten ähnlich“, hieß es im Feldpostbrief eines Teilnehmers. Und ein (verlinkt auf https://www.kontextwochenzeitung.de/zeitgeschehen/545/als-racheengel-nach-china-7709.html) anderer schrieb: „Du hättest sehen sollen, wie wir in die Stadt einrückten. Alles, was uns in den Weg kam, ob Mann, Frau oder Kind, alles wurde abgeschlachtet. Nun, wie die Weiber schrien! Aber des Kaisers Befehl lautet: keinen Pardon geben.“ Derartige Praktiken kamen bei allen alliierten Streitkräften zum Einsatz, schreibt Klein. Allerdings habe das Deutsche Reich eine Sonderrolle gespielt, indem es seinen Einsatz nicht „als Kolonialkrieg, sondern als konventionellen Staatenkrieg“ verstand. Schon in China waren Soldaten aus anderen Kolonialmächten bestrebt, eigene Übergriffe durch Verweise auf deutsche (und französische) Terrormaßnahmen zu kaschieren. Die Erinnerung an Wilhelms Rede und das deutsche Auftreten erlebte übrigens im Ersten Weltkrieg eine Wiederauferstehung in der Entente-Propaganda, die ihre Gegner zu „Hunnen“ erklärte. Dass der gemeinsam errungene Erfolg aus den Siegern keine Freunde machte, zeigten die Friedensverhandlungen, die im Oktober 1900 in Peking aufgenommen wurden. Lange wurde über die Höhe der Reparationen und ihre Verteilung gestritten, die schließlich auf die enorme Summe von 450 Millionen Tael Silber (heutiger Gegenwert: ca. 13 Milliarden Dollar) festgesetzt wurden. Hinzu kamen zahlreiche Beutestücke (seinen Anteil an den Instrumenten des Pekinger Observatoriums musste Deutschland im Versailler Vertrag zurückgeben). Beamte, die mit den „Boxern“ zusammengearbeitet hatten, wurden hart bestraft. China musste der Stationierung fremder Truppen zustimmen, wirtschaftliche Sonderrechte einräumen und auf die Produktion moderner Waffen verzichten. Das Qing-Regime verlor damit weiter an Zustimmung und taumelte auf die Revolution zu (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kalenderblatt/article160485896/Revolutionaere-setzen-Chinas-letzten-Kaiser-ab.html) . Die „Forderungen markierten den Höhepunkt der wirtschaftlichen Ausbeutung Chinas“, urteilt Martin Schulz. Hinzu kamen zwei Punkte, die Wilhelm II. in das „Boxerprotokoll“ hatte aufnehmen lassen. Zum einen musste in Peking als mahnendes Symbol der sogenannte Ketteler-Bogen errichtet werden. Zum anderen sollte ein kaiserlicher Abgesandter im Rahmen einer „Sühnemission“ einen Kotau vor Wilhelm vollziehen. Auf den Kniefall wurde bei der eingangs geschilderten Szene allerdings verzichtet und Prinz Chun nach seiner Entschuldigung als Staatsgast nach entsprechendem Protokoll behandelt. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte das 19. Jahrhundert zu seinem Arbeitsgebiet.