Die politischen Ränder gewinnen, die einstigen Volksparteien verlieren an Zustimmung: Das ist die zentrale Botschaft einer neuen repräsentativen Umfrage des Instituts Trend Research im Auftrag von Radio Hamburg. Wäre am kommenden Sonntag Bürgerschaftswahl in der Hansestadt, würde die AfD ihr Ergebnis gegenüber der Wahl von 2025 verdoppeln und auf 14 Prozent kommen. Auch die Linke legt deutlich zu und erreicht 15 Prozent. Tatsächlich wählt Hamburg turnusgemäß erst im ersten Quartal 2030 eine neue Bürgerschaft Stärkste Kraft bliebe trotz spürbarer Verluste die SPD. Die Partei von Bürgermeister Peter Tschentscher kommt in der Erhebung auf 29 Prozent und verliert damit fünf Prozentpunkte gegenüber der Bürgerschaftswahl im März 2025. Die Grünen büßen einen Punkt ein und liegen bei 18 Prozent. Zusammen würden beide Parteien somit weiterhin über eine parlamentarische Mehrheit verfügen. Zu den größten Verlierern zählt die CDU, die auf eine Regierungsbeteiligung hofft und derzeit die zweistärkste Fraktion stellt. Der schlechte Bundestrend zeigt sich auch an der Elbe: Die Christdemokraten fallen auf zwölf Prozent und verlieren damit sieben Prozentpunkte gegenüber der vergangenen Bürgerschaftswahl. Sie lägen damit hinter SPD, Grünen, Linken und AfD nur noch auf Rang fünf. AfD legt in fast allen Altersgruppen zu Besonders auffällig sind die Zugewinne der AfD. Die Partei erreicht in nahezu allen Altersgruppen mindestens 14 Prozent Zustimmung, lediglich bei den unter 30-Jährigen bleibt sie mit neun Prozent darunter. Anders als häufig angenommen, zeigen sich dabei kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Jeweils 14 Prozent der Frauen und Männer würden nach der Umfrage AfD wählen. Auch die Linke profitiert von der Entwicklung. Sie erzielt vor allem bei jüngeren Wählern starke Werte. Bei den 16- bis 29-Jährigen kommt sie auf 27 Prozent, bei den 30- bis 39-Jährigen auf 26 Prozent. Zudem wird sie deutlich häufiger von Frauen als von Männern unterstützt. CDU-Parteitag beschäftigt sich auch mit der Bundespartei Die Umfrage sorgte am Rande der Bürgerschaftssitzung am Mittwoch für Diskussionen und erschien unmittelbar nach einem CDU-Landesparteitag am Dienstagabend, auf dem die Hamburger Christdemokraten über die Krise ihrer Partei und den Umgang mit den Erfolgen von AfD und Linken diskutierten. CDU-Landeschef Dennis Thering bezeichnete hier die jüngsten Wahlergebnisse für die Union in mehreren Bundesländern als Ausdruck einer „tiefen Vertrauenskrise in unser politisches System“. Verantwortlich dafür sei vor allem die Unzufriedenheit vieler Bürger mit der Arbeit der schwarz-roten Bundesregierung. Thering forderte die CDU auf, ihre Rolle in Berlin selbstbewusster wahrzunehmen. Union und SPD trügen gemeinsam Verantwortung, die CDU sei jedoch der größere Koalitionspartner und müsse ihre politische Handschrift wieder sichtbar machen. Politik dürfe sich nicht allein an Umfragen orientieren, sondern müsse Probleme lösen. „Nicht reden, nicht vertagen, nicht streiten, sondern handeln“, sagte der Hamburger CDU-Chef auf dem Parteitag. Zugleich übte Thering ungewöhnlich offene Kritik am Erscheinungsbild der Bundespartei. Es brauche mehr Empathie für die Sorgen der Bürger. „Was überhaupt nicht hilfreich ist, sind irgendwelche Strandkörbe auf Dachterrassen im Kanzleramt“, sagte er mit Blick auf die bundesweit diskutierte Aktion von Kanzleramtsminister Philipp Amthor. In der Debatte über die AfD bekräftigte Thering seine Ablehnung einer Zusammenarbeit. Diese Absage erfolge „nicht aus irgendwelchen taktischen Gründen, sondern einzig und allein wegen des Inhalts“. CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann verwies zudem auf den Unvereinbarkeitsbeschluss der Partei gegenüber AfD und Linken. Die SPD griff diese Positionen am Mittwoch dennoch an. Fraktionschef Dirk Kienscherf erklärte, bei der AfD gehe es „längst nicht mehr um einzelne politische Positionen, über die man streiten kann“. Die Partei habe sich über Jahre weiter radikalisiert. Wer die Abgrenzung zur AfD auf einzelne Inhalte reduziere, verkenne das eigentliche Problem. Die CDU müsse „endlich Verantwortung im Umgang mit der AfD übernehmen“. Zugleich warb Kienscherf dafür, die Voraussetzungen für ein mögliches AfD-Verbotsverfahren sorgfältig zu prüfen. Für die Hamburger Politik zeichnet die Umfrage damit ein widersprüchliches Bild: Zwar bleibt die rot-grüne Regierungsmehrheit stabil, gleichzeitig profitieren AfD und Linke erheblich von der Unzufriedenheit vieler Wähler. Die CDU wiederum steht vor der Herausforderung, aus ihrer Schwächephase herauszufinden und verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Die Zahlen bestätigen zudem einen Trend, der zuletzt auch bei mehreren Landtagswahlen in anderen Bundesländern sichtbar geworden ist. Einige Reaktionen aus den Parteien Die Umfrage löste umgehend deutliche Reaktionen der Parteien aus. Grünen-Landeschef Leon Alam wertete die Ergebnisse trotz leichter Verluste als Bestätigung des rot-grünen Kurses. „Wir Grünen sind und bleiben eine stabile politische Kraft in unserer Stadt“, erklärte er. Dass SPD und Grüne weiterhin auf eine gemeinsame Mehrheit kämen, zeige, dass die Hamburger ihrer Regierung weiterhin vertrauten. Zugleich bezeichnete Alam die Zugewinne der AfD als „erschreckend“. Die demokratischen Parteien müssten Antworten auf das Erstarken der Rechtsextremen finden, für ein bezahlbares Leben sorgen, soziale Ungleichheit bekämpfen und stärker in den Stadtteilen präsent sein. Ganz anders interpretierte die AfD die Zahlen. Der stellvertretende Landesvorsitzende Krzysztof Walczak sprach von einem Vertrauensverlust für die etablierten Parteien. „Die AfD verdoppelt ihr Ergebnis nahezu – und die Brandmauer-Parteien verlieren den Rückhalt“, erklärte er. Die Umfrage zeige, dass die AfD in Hamburg „keine Randerscheinung mehr“ sei, sondern für viele Wähler eine Alternative zu den etablierten Parteien darstelle. Streit über AfD-Verbot in der Bürgerschaft Für zusätzlichen politischen Zündstoff sorgte am Mittwoch eine Debatte in der Hamburgischen Bürgerschaft über ein mögliches AfD-Verbotsverfahren. Mit den Stimmen von SPD, Grünen und Linken beschloss das Parlament einen Antrag, wonach sich der Senat für die Bildung einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe einsetzen soll, die die Erfolgsaussichten eines Verbotsverfahrens gegen die AfD prüft. Grünen-Fraktionschefin Sina Imhof sprach von einer Partei, deren Politik auf Feindbildern gründe. Innensenator Andy Grote (SPD) sagte, die AfD habe in ihrer Entwicklung einen „kontinuierlichen Radikalisierungskurs“ eingeschlagen. SPD-Fraktionschef Kienscherf bezeichnete den Schutz der Demokratie als historische Verpflichtung, betonte jedoch zugleich, über ein Verbot entscheide nicht die Politik, sondern ausschließlich der Rechtsstaat. \n\nAfD und CDU lehnten den Antrag ab. CDU-Innenexperte Dennis Gladiator erklärte zwar, die AfD sei weder eine bürgerliche noch eine konservative Partei und eine Zusammenarbeit komme nicht infrage. Die Voraussetzungen für ein Verbotsverfahren zu prüfen, sei jedoch nicht Aufgabe der Bürgerschaft. AfD-Fraktionsvertreter Walczak warf den Antragstellern vor, auf die steigenden Zustimmungswerte seiner Partei mit Ausgrenzung statt politischer Auseinandersetzung zu reagieren. Etwas Theatralik bot die AfD auch noch: Aus Protest gegen das Vorhaben von SPD, Grünen und Linken, ein AfD -Verbot vorzubereiten, betraten die Abgeordneten der AfD -Fraktion den Plenarsaal der Hamburgischen Bürgerschaft mit Handschellen. Für die Umfrage befragte Trend Research zwischen dem 22. und 27. September 975 Wahlberechtigte in Hamburg. Die statistische Fehlertoleranz liegt bei maximal drei Prozentpunkten.