Welt 12.07.2026
07:53 Uhr

Benedikt gelang einer „der kühnsten Akte der Kirchengeschichte“


Am 11. Februar 2013 erklärte Benedikt XVI. freiwillig seinen Rücktritt – als erster Papst seit 1294. Der wesentliche Grund war seine immer schlimmere Schlaflosigkeit. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.

Benedikt gelang einer „der kühnsten Akte der Kirchengeschichte“

Weder Andeutungen gab es vorab noch Gerüchte – auch die gewöhnlich „gut informierten Kreise“ im Vatikan zeigten sich völlig unvorbereitet auf die Nachricht am 11. Februar 2013. Selbst die Kardinäle in der barocken Pracht des päpstlichen Palastes habe die Nachricht am späten Vormittag „wie ein Blitz aus heiterem Himmel“ getroffen, sagte Kardinaldekan Angelo Sodano, der Vorsitzende des Kardinalskollegiums, einer der drei ranghöchsten Funktionsträger der katholischen Kirche nach dem Papst, in einer ersten Reaktion. Zudem fragten sich selbst die vor Ort in Rom anwesenden hochrangigen Kirchenvertreter, ob sie richtig gehört hatten. Denn Papst Benedikt XVI. verkündete seinen Rücktritt nicht auf Italienisch, der faktischen Arbeitssprache im Vatikan, weder in seiner Muttersprache Deutsch noch der Lingua Franca des 21. Jahrhunderts, dem Englischen. Sondern: auf Latein (verlinkt auf https://www.vatican.va/content/benedict-xvi/la/speeches/2013/february/documents/hf_ben-xvi_spe_20130211_declaratio.html) . Das mussten und müssen zwar alle katholischen Geistlichen zumindest der Form halber beherrschen, weil offizielle Verlautbarungen des Heiligen Stuhls in dieser Sprache verfasst sind. Aber zwischen einem ordentlichen Leseverständnis und unmittelbarem Verstehen bei einer verlesenen Botschaft liegen gerade bei geschliffenen (und damit grammatikalisch komplizierten) Formulierungen mitunter Welten. „Liebste Brüder“, begann der letzte Abschnitt von Benedikts Mitteilung an diesem Montag, „nicht nur wegen der drei Heiligsprechungen habe ich Euch zu diesem Konsistorium einberufen, sondern auch, um Euch eine für das Leben der Kirche sehr wichtige Entscheidung mitzuteilen.“ Damit hatte er die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer gewonnen für die folgende Mitteilung: „Nach wiederholter Gewissensprüfung vor Gott bin ich zu der Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte mit zunehmendem Alter nicht mehr ausreichen, um das Petrusamt gleichermaßen auszuüben.“ Am 28. Februar 2013 werde er um 20 Uhr von seinem Amt zurücktreten. Eine Demission vom Heiligen Stuhl, und das freiwillig! Das hatte es seit 1294 nicht mehr gegeben, als der ohnehin unwillig an die Spitze der Kirche getretene Coelestin V. (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article113983823/Coelestin-V-Papst-Demission-inmitten-apokalyptischer-Aengste.html) nach fünf Monaten als Pontifex Maximus abgetreten war. Benedikt hatte diesen Vorgänger übrigens als einen Mann gepriesen, „der Gott und die Antworten auf die großen Fragen suchte“. Zudem war er offensichtlich beeindruckt von der Konsequenz und Radikalität des Einsiedlerpapstes, zu der eben auch der Rücktritt gehörte. „Benedikt XVI. war wie kaum einer der Vorgänger ein theologischer Papst. Er war geradezu ein Gegenpol zu seinem charismatischen Vorgänger Johannes Paul II.“, analysierte WELT-Herausgeber Thomas Schmid (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/thomas-schmid/) die Breaking News: „Er hatte das Amt nicht gewollt, das ihn von den Büchern entfernte, und das war ihm von Anfang an anzusehen. In einem der kühnsten Akte der Kirchengeschichte hat er zugegeben, dass er das ,Schifflein Petri‘ nicht mehr zu steuern vermag. Das hat etwas Großes, Tragisches – und Schönes.“ Laut Kanon 332, Absatz 2 des Codex Iuris Canonici, des Rechts der katholischen Kirche also, darf ein Papst jederzeit und ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen, sein Amt niederlegen. Obwohl er auch Bischof von Rom ist, muss er nicht wie alle anderen Bischöfe bei Erreichen des 76. Lebensjahrs sein Amt dem amtierenden Papst anbieten – denn das wäre ja er selbst. Als Joseph Kardinal Ratzinger am 29. April 2005 zum Papst gewählt (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article114443087/Konklave-Wie-der-Papst-gewaehlt-wurde-die-Hintergruende.html) wurde, fragten sich viele Beobachter, wie der kurz zuvor 78 Jahre alt gewordene Intellektuelle sein Amt ausfüllen werde. Tatsächlich hatte Ratzinger keinen Karriereplan. „Schon damit stand er im Vatikan einzigartig da“, hielt der Rom-Korrespondent von WELT, Paul Badde (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article6913160671dafa6e0afd00ef/paul-badde-ist-tot-der-reporter-mit-der-faehigkeit-wundern-nachzuspueren.html) fest: „Jetzt steht er ebenso einzig da in seiner beispiellosen Bereitschaft der Aufgabe der Macht und seiner Übergabe der Schlüssel Petri an einen kraftvolleren Nachfolger.“ Es war kein spontaner Entschluss. Bereits nach dem Weltjugendtag in Köln 2005, nur dreieinhalb Monate nach seiner Wahl, spürte Benedikt, dass sein Körper auf die Herausforderung der neuen Funktion reagierte: mit Schlaflosigkeit. Jahrelang ging er, ärztlich begleitet, mit Schlafmitteln dagegen an, doch im Frühjahr 2012 musste er dem Rat eines neuen Leibarztes folgend die Medikamente absetzen. Mit nun fast 85 Jahren hatte er nicht mehr die körperliche Leistungskraft, den Weltjugendtag in Rio de Janeiro im Juli 2013 zu bewältigen. Ratzingers Wahl zum Stellvertreter Christi auf Erden hatte 2005 vor allem natürlich in Deutschland für Emotionen gesorgt. Nicht zuletzt wegen eines genialischen Einfalls der Boulevardzeitung „Bild“ (erscheint wie WELT im Axel Springer Verlag), die das Ereignis auf die Formel brachte: „ Wir sind Papst (verlinkt auf https://www.bild.de/politik/inland/papst/die-geschichte-der-bild-schlagzeile-40593824.bild.html) “. Liberalen Christen galt er als die personifizierte dunkle Seite Roms. „Ein verkopfter Hardliner, ein Doktor Dogma“, wie Lucas Wiegelmann in WELT die bei Vatikan-Kritikern verbreitete Fassung zusammenfasste: Schon lange der Basis entfremdet, dafür aber umso (selbst-)gewisser. Doch die Ratzinger-Gegner lagen daneben. Da ihm manche die Wiedereinführung der Hexenverbrennung zugetraut hatten, wirkte es erstaunlich, wie moderat und dialogbereit er wirkte. In seinem Wappen verzichtete er auf die päpstliche Krone, die Tiara. Den Handkuss als obligatorische Begrüßung lehnte er gleichfalls ab. Benedikt, der seinen Namen im Anschluss an den Papst während des Ersten Weltkriegs gewählt hatte, wiewohl dem die Beilegung des Krieges eben nicht gelungen war, traf sich mit prominenten Kritikern des Vatikans wie Hans Küng. Auf einmal forsteten Gelehrte alte Schriften und Positionspapiere des jungen Ratzinger durch und stellten fest, er sei schon auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil ein Liberaler gewesen. So wurde in Wiegelmanns Worten aus dem „Panzerkardinal“ eine Art Popfigur, der „Papa Ratzi“. Nach dem selbstbestimmten Ende seines Pontifikats ließ sich Benedikt emeritierter Papst nennen – als sei er immer noch der Theologieprofessor, der er von 1958 bis 1977 gewesen war. Er wohnte in einem Appartement in einem kleinen Kloster in den Vatikanischen Gärten. Hier starb Benedikt am 31. Dezember 2022, knapp zehn Jahre nach seinem Rücktritt. An der feierlichen Beisetzungsfeier im Petersdom nahmen 50.000 Menschen teil. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur und Terrorismus. Das Pontifikat Benedikts verfolgte er mit zunehmendem Interesse.