Geister mit türkischem Migrationshintergrund haben in Kunst und Kultur Hochkonjunktur. Aktuelle Beispiele: Der neue Film „Geister“ von Fatih Akin, der am 5. November in die Kinos kommt (WELT berichtete) und „Dschinns“ („Geister“), der Roman von Fatma Aydemir aus dem Jahre 2022. Der Roman wurde seither mehrfach auf die Bühne gebracht, zunächst im Nationaltheater Mannheim, dann am Maxim Gorki Theater in Berlin und am Düsseldorfer Schauspielhaus – mit jeweils eigenen Adaptionen. Der NDR veröffentlichte 2024 eine Hörspieladaption in der ARD Audiothek nach der Mannheimer Theaterfassung von Selen Kara. Seit Freitagabend geistern „Dschinns“ auch über die Bühne des Thalia Theaters in Hamburg, erneut in einer eigens für diese Inszenierung erstellten Fassung. Traumata und chronische Erinnerungsschmerzen Während die Geister bei Akin die Seelen verstorbener Menschen sind, die noch für eine Weile auf Erden bleiben, bevor sie im großen Nebel verschwinden, stehen die türkischen Dschinns im Roman wie im Theaterstück von Regisseur Hakan Savaş Mican metaphorisch für Traumata, Familiengeheimnisse und chronische Erinnerungsschmerzen. Wobei die Anordnung der einzelnen Personen der Geschichte auf der Bühne einer therapeutisch wertvollen chronologisch-systemischen Familienaufstellung entspricht, bei der die Stellvertreter für Familienmitglieder unsichtbar bleiben und dennoch die Abstände, Versäumnisse sowie verdrängte Ereignisse und Personen definieren. Als Dschinns sind sie dennoch wirkungsmächtig, stecken zwischen den Zeilen der Dialoge und Monologe, in denen das Publikum sie kennenlernt. Begleitet werden die Dschinns in dieser Beschwörung guter Geister von einer von einer vierköpfigen Liveband, in der auch zwei der Darsteller Instrumente übernehmen: Tilo Werner spielt Schlagzeug und Oska Melina Borcherding den Bass. Gemeinsam mit ihnen musizieren Ceren Bozkurt an verschiedenen türkischen Instrumenten und Jazzpianistin Marta Winnitzki. Das kluge musikalische Konzept von Nils Ostendorf, der auch eigene Kompositionen beisteuert, schafft eine solide türkische Auswanderer-Atmosphäre, die gelegentlich in Rap oder in englische Hits mündet, den gemeinsamen Popnenner mit der deutschen Gesellschaft. Es regnet deutsche und türkische Klischees Die Eltern der Familie sind Hüseyin (fantastisch als wortkarger türkischer Malocher: Tilo Werner) und Emine (irgendwie nicht ganz in der Rolle angekommen und untypisch seltsam neben der Spur: Oda Thormeyer). Sie haben sich mit Hüseyins Job am Schmelzofen einer Metallfabrik über dreißig Jahre ein Leben in Deutschland aufgebaut und vier Kinder. Zu Beginn der Geschichte, in der es den ganzen Abend über deutsche und türkische Klischees regnet, bis die Bühne damit überflutet ist, steht Hüseyin in seiner neuen Wohnung in Istanbul, die er gerade hat einrichten lassen. Gekauft von den Ersparnissen seines Lebens harrt er hier seiner Familie, die in einer Woche nachkommen will. Doch während der zurückgekehrte Gastarbeiter sich seiner Wohnung freut, stirbt er an einem Herzinfarkt. Mutter Emine kehrt also in die Türkei zurück, um ihn zu beerdigen. Und auch seine Kinder reisen zum Begräbnis an, wobei zwei zu spät kommen. Durch Gespräche der beiden Töchter und Söhne mit der Mutter werden die Risse offengelegt, die sich durch die Familie ziehen. Die älteste Tochter Sevda (kraftvoll engagiert: Gina Haller) hat seit Jahren nicht mehr mit ihren Eltern gesprochen, die sie in ihrer Zwangsehe mit einem gewissen Ishan nicht ansatzweise unterstützt haben. Erst nach Jahren gelingt es Sevda, ohne Schulabschluss einen Job zu finden und schließlich erfolgreich ein eigenes – italienisches – Lokal zu führen und sich von ihrem Mann zu trennen. Nun macht sie Mutter Vorwürfe, die im Buch antworten darf, auf der Bühne hingegen seltener. Da sitzt sie wie eine Angeklagte und muss sich die Vorwürfe gefallen lassen. Unterdrückung von Generation zu Generation Schließlich war Emine vom Leben in Deutschland genauso überfordert wie ihr Mann, hat sich deshalb in traditionelle Rollenmuster und veraltete Regeln geflüchtet und damit manchen ihrer Kinder mehr, anderen weniger geschadet. Sie offenbart, dass sie gegen ihren Willen ihre erste Tochter Hüseyins großem Bruder überlassen musste, da dieser mit seiner Frau keine eigenen Kinder bekommen konnte. Die anschließende Depression hat ihr Leben und das ihrer Kinder, die sich tapfer geschlagen haben, stark geprägt. Ab und zu taucht dieses Kind namens Ciwan (geradeheraus neugierig: Oska Melina Borcherding), längst erwachsen, auf und sucht die Nähe eines Familienmitglieds. Ciwan lernt auch die Tochter Perihan kennen (mit emotionaler Power: Moné Sharifi), die mittlerweile Germanistik studiert und an ihrer Masterarbeit schreibt. Sie weint mit Mutter über den Verlust Hüseyins, den jüngeren Bruder Ümit (sehenswert zerbrechlich: Cino Djavid) im Schlepptau. Sie hat durchschaut, was in den vergangenen zwanzig Jahren schiefgegangen ist und rettet sich, soweit möglich durch Flucht in ein emanzipiertes Leben. Ständig Ärger mit Polizei und Psychiater Ümits älterer Bruder Hakan (dreht voll auf und lässt es krachen: Sinan Güleç) hat irgendwie nie eine Ausbildung gemacht, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs und in einer deutschen Beziehung durch. Er springt in seinen Wagen und fährt zwei Tage lang praktisch ohne Schlaf durch nach Istanbul. Er schafft es nicht mehr, sich von seinem Vater zu verabschieden, dem er schon als Jugendlicher so viel Kummer gemacht hat durch den Ärger mit der Polizei und mit dem Strafbefehl über 6000 Euro wegen der Graffiti-Tags. Diesmal kommt ihm die Bundespolizei in Österreich in die Quere. Auf der Anreise und im Verlauf ihres Familientreffens in Istanbul erzählen alle Familienmitglieder ihren Anteil an der Familiengeschichte jeweils aus der eigenen Perspektive. Dabei werden anhand der halb zerrissenen Familie viele aktuelle Diskursthemen wie Identität, das deutsch-türkische Verhältnis, Migrationsprobleme, aber auch die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt thematisiert. Schließlich ist Ümit als schwuler Fußballer in einen Mannschaftskameraden verknallt. Der Trainer schickt ihn zum Psychiater, der versucht, ihm die Krankheit Schwulsein auszureden. Das Fazit der Geschichte ist ihre Moral: Könnte es nicht allen besser gehen, die besser miteinander umgehen? Das gilt in der Familie wie zwischen den Völkern. Wie eine Erlösung wirkt daher im Thalia Theater das letzte Bild, eines der stärksten des Abends. Emine, bei einem Erdbeben von den Trümmern der Wohnung in Istanbul verschüttet, erinnert sich an ihre Fehler und sagt diesmal das richtige zu ihren Kindern, steht zu ihnen, unterstützt sie. Fantasie von einer besserer Zukunft Die Fantasie weckt Hoffnung darauf, dass Probleme gelöst werden können, statt sie zu dramatisieren: Für künftige Generationen der Familie, für neue Einwanderer und auf eine integrative Gesellschaft, die zu Recht von sich sagen könnte, sie schaffe das. Der nur leicht an der Häufung von Klischees und dem damit gelegentlich einhergehenden Mangel an Tiefe leidende Abend ist dennoch nie langweilig und geeignet, jüngeren Generationen die Geschichte der Gastarbeiter in Deutschland auch emotional näherzubringen. Termine: 13., 27. Oktober; 6., 10., 26., 27. November, 2. Dezember