Welt 16.09.2026
07:10 Uhr

Die verleugnete Stadt, die einem Land den Namen gab


„Steine von wundersamer Größe“: Zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert errichtete das Volk der Shona im südlichen Afrika eine Stadt so groß wie das mittelalterliche London. Doch diese Leistung wurde ihnen fast ein Jahrhundert lang abgesprochen.

Die verleugnete Stadt, die einem Land den Namen gab

Im September 1871 steht der schwäbische Forschungsreisende Karl Mauch vor gewaltigen Steinmauern im südlichen Afrika. Den Weg hat ihm ein Landsmann namens Adam Render gewiesen, der im Stamm eines Karanga-Häuptlings lebt und dort zwei Frauen geheiratet hat. Wäre Render sich der Folgen seines Tuns bewusst gewesen, er hätte den Schwaben vermutlich in die Irre geschickt. Als Mauch vor den Mauern von Groß-Simbabwe steht, ist er überwältigt. Sein Urteil steht sofort fest: Ein so kunstfertiges, so monumentales Mauerwerk kann unmöglich das Werk von Afrikanern sein. Er bricht einen Splitter aus einem hölzernen Türsturz. Das Holz riecht wie sein Bleistift, also muss es Zedernholz sein und somit aus dem Libanon stammen, folgert Mauch. Für ihn ist damit bewiesen: Phönizier oder Israeliten müssen die Stadt erbaut haben, vor deren Mauern er steht. Er glaubt, das biblische Ophir erkannt zu haben – jenes sagenhafte Goldland, das seit Jahrhunderten mit König Salomo und der Königin von Saba verbunden wird. Die Kette seiner Fehlschlüsse wirkt aus heutiger Sicht grotesk. Dennoch wird sie die Deutung von Groß-Simbabwe beinahe über ein Jahrhundert prägen. Eine Stadt so groß wie London Groß-Simbabwe liegt im Südosten des heutigen Simbabwe. Die Vorfahren der heutigen Shona-Bevölkerung errichteten hier zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert eine Stadt, die es an Größe mit dem mittelalterlichen London aufnehmen konnte. Bis zu 20.000 Menschen lebten hier auf rund 720 Hektar. Groß-Simbabwe war das Zentrum eines mächtigen politischen Gemeinwesens, das weite Teile des heutigen Landes umfasste. „Dzimbabwe“ heißt auf Shona etwa „Häuser aus Stein“. Aus dem Wort wurde der Name Groß-Simbabwe – er sollte später zum Namen eines ganzen Landes werden. Die Anlage gliedert sich in einen Hügel-Komplex, den ältesten Teil, der auf einer rund 80 Meter hohen Erhebung liegt, die Große Einfriedung und die sogenannten Tal-Ruinen. Dort lebte ein großer Teil der Bevölkerung in Häusern aus Lehm und Holz. Groß-Simbabwe war nicht die einzige Anlage dieser Art. Hunderte weitere steinummauerte Siedlungen sind im südlichen Afrika bekannt. Keine aber erreicht die Dimensionen dieser Stadt. Das architektonische Herzstück ist die Große Einfriedung. Ihre Mauern sind knapp 250 Meter lang und stellenweise fast zehn Meter hoch. Sie bestehen aus Hunderttausenden präzise gesetzten Granitblöcken – ohne Mörtel. Es ist das größte erhaltene Einzelbauwerk dieser Art südlich der Sahara und, nach der Cheops-Pyramide in Gizeh, das zweitgrößte Afrikas. Der portugiesische Chronist João de Barros notierte bereits 1552 mit unverhohlener Verblüffung: „Da ist Mauerwerk innen und außen, erbaut aus Steinen von wundersamer Größe, und es scheint kein Mörtel zu sein, der sie verbindet.“ Parallel zur äußeren Mauer verläuft teilweise eine innere, die einen schmalen, rund 55 Meter langen Gang bildet. Der große konische Turm, etwa neun Meter hoch und 5,5 Meter breit, hatte offenbar symbolische Bedeutung. Welche genau, ist bis heute nicht geklärt. In den eingefriedeten Höfen standen Häuser aus Lehm und Holz. Die Stadt lag strategisch günstig: zwischen den goldhaltigen Gebieten im Landesinneren und den Handelsplätzen am Indischen Ozean. Die Bewohner betrieben Ackerbau und Viehzucht, verhütteten Eisen und verarbeiteten Gold und Kupfer. Der Fernhandel brachte zusätzliche Waren und Reichtum. Mitte des 15. Jahrhunderts verlor Groß-Simbabwe an Bedeutung. Handelsrouten veränderten sich, der Goldhandel verlagerte sich. Auch ökologische Faktoren wie Überweidung oder Dürren werden als mögliche Gründe diskutiert. Gegen 1700 lebten nur noch wenige Menschen in der Stadt. Ganz verlassen wurde der Ort dennoch nicht: Shona-Gruppen nutzten ihn weiterhin für religiöse Zeremonien. Was später bei Ausgrabungen zutage kam, liest sich wie das Inventar eines mittelalterlichen Welthandelshauses: syrisches Glas, persische Fayence, chinesisches Porzellan, Korallen, Bronze und Handelsperlen aus Arabien und Indien. Doch kein Fund ist so berühmt wie die acht Vögel aus Speckstein. Die etwa 40 Zentimeter hohen Figuren sitzen auf mehr als einen Meter hohen Säulen. Sie verbinden vogelartige und menschliche Merkmale; ihre genaue Bedeutung ist bis heute nicht geklärt. Vermutet wird, dass sie mit religiöser und politischer Autorität verbunden waren. Sechs der Vögel wurden im östlichen Teil des Hügel-Komplexes gefunden, zwei weitere an anderen Stellen der Anlage. Ihre Geschichte reicht weit über die Archäologie hinaus. Einer der Vögel wurde zum nationalen Symbol des späteren Simbabwe und findet sich heute auf der Flagge und im Staatswappen. Aus einer jahrhundertealten Skulptur wurde damit ein Zeichen der modernen Nation. Plünderung im Namen der Krone Im 19. Jahrhundert geriet die Ruinenstätte zunehmend ins Visier europäischer Abenteurer, Händler und Forscher. 1889 kam der Händler Willy Posselt nach Groß-Simbabwe und nahm – gegen den Widerstand der örtlichen Bevölkerung – eine der Vogel-Skulpturen mit. Einige Jahre später kamen die Männer der 1895 gegründeten „Rhodesian Ancient Ruins Company“, einer kommerziellen Schatzsuchergruppe mit amtlichen Grabungsrechten. Cecil Rhodes, Kolonialpolitiker, Diamantenmagnat und späterer Namensgeber Rhodesiens, hatte ihr die Ausbeutung der Ruinen ermöglicht. Die Grabungen richteten schwere Schäden an. Bauwerke wurden beschädigt oder abgetragen, es wurde nach Gold gesucht, andere Funde wurden beiseitegeworfen. Keramik, Gefäße und Tonfiguren gingen unwiederbringlich verloren. Auch der Brite James Theodore Bent, der 1891 als Erster offiziell mit archäologischen Untersuchungen begann, suchte rund um den konischen Turm nach Spuren der Vergangenheit. Dabei wurden wichtige stratigrafische Zusammenhänge zerstört – jene Abfolge archäologischer Schichten, anhand derer sich Funde zeitlich einordnen lassen. Handelsperlen aus dem arabischen und persischen Raum hielt Bent für unbedeutend. Wie Karl Mauch zwanzig Jahre zuvor glaubte auch Bent, die Ruinen könnten nicht von der einheimischen afrikanischen Bevölkerung errichtet worden sein. Stattdessen führte er den Bau auf Phönizier oder Araber zurück. Doch die Funde erzählten eine andere Geschichte. Der britische Archäologe David Randall-MacIver untersuchte die Ruinen 1905 und kam zu dem Schluss, dass die Anlage aus dem Mittelalter stammte. Die von ihm untersuchten Handelswaren verwiesen auf das 14. und 15. Jahrhundert, nicht auf eine biblische Vergangenheit. Auch architektonisch fand er keine überzeugenden Hinweise auf einen arabischen oder phönizischen Ursprung. 1929 folgte die britische Archäologin Gertrude Caton-Thompson. Mit einem ausschließlich weiblichen Team untersuchte sie die Ruinen und bestätigte den afrikanischen Ursprung der Anlage. Wissenschaftlich war die vermeintliche Herkunft aus dem Nahen Osten damit zunehmend widerlegt. Politisch aber war die Sache noch lange nicht erledigt. Wenn die Wahrheit nicht ins Weltbild passt Unter der weißen Minderheitsregierung Rhodesiens blieb der afrikanische Ursprung Groß-Simbabwes politisch unerwünscht. Wer ihn vertrat, musste mit Schwierigkeiten rechnen. So etwa auch der rhodesische Archäologe Peter Garlake, dessen Forschungsarbeiten belegen, dass die Anlage von Vorfahren der heutigen Shona errichtet worden war. 1970 verließ er unter Druck das Land. Die Auseinandersetzung war längst keine rein archäologische mehr. Es ging um die Frage, wem die Vergangenheit des Landes gehörte. Für die weiße Minderheitsregierung war eine hoch entwickelte afrikanische Gesellschaft, die lange vor der europäischen Kolonisierung monumentale Architektur errichtet und weitreichenden Handel betrieben hatte, schwer mit dem eigenen kolonialen Bild vereinbar. Die Geschichte von Groß-Simbabwe wurde deshalb nicht nur erforscht, sondern politisch umkämpft. 1980 endete diese Epoche. Mit der Unabhängigkeit von Großbritannien wurde aus Rhodesien Simbabwe. Der neue Staat gab sich den Namen jener mittelalterlichen Stadt, deren Geschichte die Kolonialherren so lange umzudeuten versucht hatten. Nach der Unabhängigkeit wurde die Ruinenstätte zum Symbol des neuen Staates. Auch prominente Besucher unterstrichen die neue Bedeutung des Ortes: Queen Elizabeth II. besuchte Groß-Simbabwe 1991, zwei Jahre später Princess Diana. 1997 reiste Nelson Mandela ins Land und widmete Groß-Simbabwe einen Teil seiner Rede. Die Stätte erinnere an „die alten Zivilisationen Afrikas, die Königreiche und Imperien, die im südlichen Afrika blühten“, deren Reichtum auf weitreichendem Handel beruhte, ehe der Kolonialismus sie zum Niedergang brachte. Groß-Simbabwe, so Mandela weiter, sei „ein inspirierendes Denkmal für eine verlorene und nun wiedergewonnene Unabhängigkeit.“