Genie und Wahnsinn liegen oft nah beieinander. Und wer sich an komplexe Mammut-Filmprojekte wagt, die logistisch wie künstlerisch höchst herausfordernd sind, und die bei Misserfolg Karrieren ruinieren und Studios finanziell in den Abgrund reißen können, der muss wohl etwas von beidem in sich tragen – genial sein und dazu etwas verrückt. Davon künden legendäre Klassiker wie Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article68e7b09b14154520ea13854b/ich-liebe-den-geruch-von-napalm-am-morgen-die-hoelle-hinter-dem-dreh.html) , Steven Spielbergs „Der weiße Hai“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article250203028/Der-weisse-Hai-Der-wahre-Horror-bei-Spielbergs-Thriller-waren-die-Dreharbeiten.html) oder Werner Herzogs „Fitzcarraldo“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article246110742/Werner-Herzog-Sie-boten-an-Kinski-zu-ermorden-Ich-sagte-Ich-brauche-ihn-noch-zum-Drehen.html) . Deren Dreharbeiten glichen teils einem Himmelfahrtskommando – aber schließlich folgte ein Happy End mit Kritikerlob und klingelnden Kinokassen. Ein weiteres Beispiel für eine solche filmische Wahnsinnstat, die sich am Ende aber mehr als auszahlte, kam 1997 in die Kinos: „Titanic“ von James Cameron. Der kanadische Regisseur hatte zu diesem Zeitpunkt in Hollywood bereits einige Meisterwerke geschaffen, etwa die „Terminator“-Filme, „Aliens“ und „The Abyss“. Deren Dreharbeiten waren teils arg strapaziös, und Cameron erwarb sich den Ruf, im Umgang mit Cast und Crew alles andere als diplomatisch und zimperlich zu sein. Insbesondere bei letzterem Film, einem SciFi-Fantasy-Unterwasserdrama, bei dem einige Schauspieler fast ertrunken wären. Darauf setzte der passionierte Taucher und Ozean-Erkunder nun noch einen drauf: einen weiteren dramatischen Film, der auf hoher See spielte. Er sollte die Geschichte des Luxusliners „Titanic“ erzählen, der 1912 im Nordatlantik sank. Und dies derart aufwendig, dass das Budget in schwindelerregende Höhen stieg. Denn zwar kam bei der Produktion von „Titanic“ auch Computeranimation zum Einsatz (bei deren filmischer Nutzung Cameron bereits bei „Terminator 2“ im Jahr 1991 einen Meilenstein abgeliefert hatte), aber die Technik war noch jung und nur begrenzt verwendbar. Daher mussten die meisten Szenen mit „echten“ praktischen Effekten und Requisiten realisiert werden. Und das bedeutete, einen riesigen Ozeanliner und Hafenanlagen zumindest partiell nachzubauen, opulent auszustatten – und dessen Untergang im eisigen Meer überzeugend mit Hunderten Schauspielern und Komparsen darzustellen. Dafür war so viel Platz notwendig, dass ein Dreh in den bestehenden Hollywood-Studios unmöglich war. Deren Produktionshallen waren einfach zu klein. „Geht nicht, gibt’s nicht“, befand Cameron und überredete die Produzenten, 16 Hektar Land an der mexikanischen Küste zu kaufen und dort eine gewaltige Produktionsstätte zu bauen. Dort entstand eine Replik der „Titanic“ im Originalmaßstab, allerdings wurde aus Kostengründen nur eine Hälfte des Schiffes nachgebaut; Szenen, die auf der anderen Hälfte spielten, filmte man kurzerhand spiegelverkehrt. Für die dramatischen Szenen des Untergangs konstruierte man eine gewaltige Hydraulik-Anlage, die einen Nachbau des Schiffshecks anheben und in steile Schräglage bringen konnte. Weitere bewegliche Sets inmitten von riesigen Wassertanks stellten die Innenräume der „Titanic“ dar, in denen die Darsteller strapaziöse und durchaus nicht ungefährliche Szenen absolvieren mussten, bei denen oft nur ein Take möglich war – denn danach waren die Dekorationen zertrümmert. Aber nicht alles bei diesem Mega-Filmprojekt war „nur“ simuliert und nachgebaut. Cameron unternahm auch eine aufwendige und kostspielige Tauchexpedition zur echten „Titanic“, um das Wrack in rund 3800 Metern Tiefe zu filmen. Viele Journalisten, Kritiker und Studiobosse waren derweil skeptisch, ob der ganze Aufwand gerechtfertigt war und ob Camerons Epos seine enormen Kosten an den Kinokassen je wieder einspielen würde. Fortwährend wurde von den komplexen und teils pannengeplagten Dreharbeiten berichtet, mancher unkte, das Ganze würde ein kolossaler Flop wie einst „Cleopatra“ (1963) oder „Heaven’s Gate“ (1980) werden. Zumal Cameron „Titanic“ nicht als reinen Katastrophenfilm angelegt hatte, bei dem vorwiegend die „Action“ beim Untergang im Vordergrund stehen würde – wie es sich die Studiobosse gewünscht hatten. Vielmehr konzipierte er das Werk nach eigenen Worten als „Romeo und Julia auf hoher See“; als großes Liebesdrama, und dann erst als Katastrophenepos. Skeptiker befanden, das sei nicht Fisch und nicht Fleisch: Etwa würde ein großes Herzschmerz-Melodram mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in den Hauptrollen durchaus Frauen ansprechen, aber die gruseligen Untergangs-Szenen würden sie abschrecken. Und beim männlichen Publikum sei es genau andersherum – sodass die Sitze im Kino leer bleiben würden. Konzept und Produktion des Films seien schlichtweg Größenwahn. Doch Camerons Plan erwies sich als Geniestreich: „Titanic“ wurde ein Phänomen; die Zuschauer stürmten die Kinosäle, der Film spielte ein Vielfaches seiner Produktionskosten ein und wurde der bis dato erfolgreichste der Filmgeschichte. Und bei den Academy Awards wurde „Titanic“ mit elf Oscars ausgezeichnet, auch in den Kategorien „bester Film“ und „beste Regie“. Ein Triumph für Cameron, der seinen Sieg genüsslich und sehr selbstbewusst auskostete und bei der Preisverleihung den berühmten Satz ausrief, den er im Film DiCaprio in den Mund gelegt hatte: „Ich bin der König der Welt!“ Für WELTGeschichte blickt Martin Klemrath (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/martin-klemrath/) neben klassischen historischen Themen auch regelmäßig auf popkulturelle Phänomene vergangener Jahrzehnte zurück. Darunter ein weiterer Film, der in den 1990ern einen globalen Hype auslöste: „Star Wars – Episode I“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/80-jahre-welt/article69c3f4e7b48f4241ac08c339/star-wars-wie-episode-i-1999-einen-globalen-hype-ausloeste.html) .