Der Senat macht Tempo beim Ersatz für die durch einen Schiffsunfall zerstörte Freihafenelbbrücke im Hamburger Hafen: Bereits im ersten Halbjahr 2028 soll westlich der Neuen Elbbrücken eine temporäre Behelfsbrücke über die Norderelbe führen. Die Kosten werden auf 134 Millionen Euro geschätzt. Knapp ein Jahr nach der vollständigen Sperrung der Freihafenelbbrücke liegen damit konkrete Pläne für eine zusätzliche Elbquerung vor. Die neue Brücke soll aus standardisierten Brückenelementen zusammengesetzt werden, die Hamburg vom Bund ausleihen kann. Sie soll rund zehn Jahre in Betrieb bleiben. Hamburg reagiert damit auf den langfristigen Ausfall der Freihafenelbbrücke sowie mehrere weitere Brücken- und Bahnprojekte, die in den kommenden Jahren auf der wichtigsten Verkehrsachse zwischen Hamburgs Norden und Süden anstehen. Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) sprach von einer „wichtigen Verbindung für die Hamburger Hafenwirtschaft“ und einer Maßnahme, um die Leistungsfähigkeit der Elbquerungen während der anstehenden Großbaustellen zu sichern. In den kommenden Jahren werden unter anderem die Bahnbrücken über die Elbe saniert und um eine Brücke erweitert. Auf den Autobrücken stehen Sanierungsmaßnahmen an. Nach Angaben der Verkehrsbehörde nutzen täglich rund 120.000 Fahrzeuge und 660 Züge die Achse der Neuen Elbbrücken. Die neue Trasse mit ihrer Behelfsbrücke entsteht westlich der heutigen Neuen Elbbrücken. Sie soll zwei zusätzliche Fahrstreifen sowie einen Geh- und Radweg erhalten. Nach Angaben des Senats wird sie rund 600 Meter lang sein. Die eigentliche Querung der Norderelbe misst etwa 300 Meter. Gebaut wird sie von der städtischen Realisierungsgesellschaft ReGe. Baukastensystem vom Bund Gebaut werden soll die Brücke aus vorgefertigten Modulen, die der Bund für Not- und Übergangslösungen bereithält. ReGe-Geschäftsführer Henning Liebig verglich das System mit einem Baukasten: Die einzelnen Elemente würden zusammengesetzt und könnten später wieder demontiert werden. Der entscheidende Vorteil sei die Geschwindigkeit. Anders als bei einem herkömmlichen Brückenneubau seien die Statiken und technischen Unterlagen bereits vorhanden. Zudem entfalle ein Planfeststellungsverfahren. „Das ist der entscheidende Dealmaker“, sagte Liebig. Dadurch könne ein erheblicher Teil der üblichen Planungszeit eingespart werden. Für die eigentliche Montage der Brückenelemente seien nur wenige Wochen nötig. Zeit beanspruchten dagegen die Fundamente, die Herstellung der Anschlussbauwerke und das Einheben der vormontierten Brückensegmente. Nach rund zehn Jahren soll die Konstruktion wieder abgebaut und an den Bund zurückgegeben werden. Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) betonte allerdings, dass die Lösung kein starres Verfallsdatum habe. Sollte die Brücke länger benötigt werden, lasse sich die Nutzungsdauer grundsätzlich verlängern. Besonders wichtig sei die Brücke für die Hafenwirtschaft, sagte der Finanzsenator. Sie sichere die Erreichbarkeit des Hafens während der jahrelangen Bauarbeiten an den anderen Brücken über die Norderelbe. Teil eines größeren Infrastrukturprogramms Der Senat verknüpft den Neubau mit weiteren Projekten an der Norderelbe. Dazu gehören die geplante Erweiterung der S-Bahn-Kapazitäten, der Neubau der U4-Querung sowie die Erneuerung mehrerer Bahnbrücken. Zugleich soll die Freihafenelbbrücke selbst abgebaut und später wieder aufgebaut werden. Zunächst wird das irreparabel beschädigte Mittelteil ausgeschwemmt. Die verbleibenden Brückenteile sollen anschließend denkmalgerecht saniert werden. Nach aktueller Planung der Deutschen Bahn wird die Trasse der Freihafenelbbrücke während der Arbeiten an den Eisenbahnbrücken als Umfahrung benötigt. Erst danach kann die historische Brücke wieder an ihren Platz zurückkehren. Vor 2038 wird sie deshalb voraussichtlich nicht wieder für den Verkehr zur Verfügung stehen. Finanzierung aus Sondervermögen Von den Kosten für die neue Übergangslösung von 134 Millionen Euro sollen 100 Millionen Euro aus dem milliardenschweren Infrastruktur-Sondervermögen des Bundes stammen. Die restlichen Mittel kommen aus dem Hamburger Haushalt. Dressel bezeichnete das Projekt als eine der ersten großen Maßnahmen, die Hamburg aus dem neuen Investitionsprogramm finanziert. Der Senat habe inzwischen bereits knapp die Hälfte der für Hamburg vorgesehenen Bundesmittel verplant. Während Hamburg nun eine Übergangslösung für die Norderelbe baut, lehnt der Senat eine vergleichbare Behelfsbrücke für die Köhlbrandquerung ab. Zuletzt waren Vorschläge bekannt geworden, neben der bestehenden Köhlbrandbrücke ebenfalls eine temporäre Ersatzbrücke zu errichten. Tjarks hält das jedoch für den falschen Weg. Die zuletzt genannten Kosten von rund 850 Millionen Euro seien erheblich. Zudem würde eine solche Brücke genau den Raum beanspruchen, der später für den Bau der neuen Köhlbrandbrücke benötigt werde. Stattdessen will der Senat beim Bund auf weitere gesetzliche Erleichterungen drängen. Tjarks kündigte an, Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) Vorschläge für zusätzliche Beschleunigungen im Planungs- und Genehmigungsrecht zu unterbreiten. Ziel sei es, den eigentlichen Neubau der Köhlbrandbrücke schneller voranzubringen, anstatt eine weitere milliardenschwere Zwischenlösung zu schaffen. „Das eigentliche Ziel muss sein, dass wir die Köhlbrandbrücke möglichst schnell durch einen Neubau ersetzen.“ Redakteurin Julia Witte genannt Vedder (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/julia-witte/) arbeitet in der Hamburg-Redaktion (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/) von WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie über Hamburger Politik (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/hamburg-politik/) . Sie ist Co-Vorsitzende der Landespressekonferenz Hamburg, dem Verein der Landespolitikjournalisten.