Welt 05.10.2026
17:35 Uhr

Schüsse, Handgranaten, Tote – Hamburgs neue Serie der Gewalt


Seit August fielen in Hamburg in neun Fällen Schüsse. Ob die Taten zusammenhängen, ist offen. Ermittler prüfen Spuren ins kriminelle Milieu und richten Soko ein. GdP und CDU verlangen mehr Kontrolldruck.

Schüsse, Handgranaten, Tote – Hamburgs neue Serie der Gewalt

Hamburg wird von einer Serie an Gewaltverbrechen erschüttert – und immer wieder werden dabei Schusswaffen eingesetzt. Allein seit August kam es bereits in neun Fällen zu Schüssen in der Stadt, zuletzt unter anderem auf eine Shishabar an der Grindelallee in Rotherbaum, bei der in der Nacht zum Sonntag eine Fensterscheibe von mehreren Projektilen durchschlagen wurde. Höhepunkt der Gewalttaten: Anfang September starben zwei Männer auf St. Pauli – möglicherweise wurden sie Opfer einer Milieu-Auseinandersetzung. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) und die Hamburger CDU fordern ein härteres Durchgreifen von Polizei und Politik. Welche der zahlreichen Schusswaffen-Taten miteinander in Verbindung stehen, ist noch Teil der Ermittlungen. Klar ist aber, dass insbesondere der Komplex rund um die Tötung der beiden 33- und 47-Jährigen die Ermittler der Fachabteilung für Organisierte Kriminalität fordert, die gemeinsam mit Kollegen aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein die Sonderkommission (Soko) „Kosmos“ eingerichtet hat. Ermittler prüfen unter anderem einen Zusammenhang mit einem Konflikt zwischen dem Umfeld der Hells Angels und einem arabischstämmigen Familiennetzwerk. Vor der Schießerei soll ein 13-Jähriger als mutmaßlicher Schütze aus den Niederlanden auf einen Hamburger Hells Angels-Boss angesetzt worden sein. Der Junge wurde allerdings rechtzeitig festgenommen. Tage später explodierten zwei Handgranaten in der Stadt. Dann kam es zu jenen tödlichen Schüssen in einem Gewerbekomplex auf dem ehemaligen Schlachthofgelände an der Lagerstraße. Verhaftung von sogenannten Friedensrichter möglicher Auslöser In Zusammenhang mit der tödlichen Auseinandersetzung könnte auch die Verhaftung eines sogenannten Friedensrichters stehen, der bei Streitigkeiten im Hamburger Milieu vermittelt haben soll, wie die Bild-Zeitung berichtet. Der 51-Jährige Murat C., Spitzname „Schwarzer Murat“, soll sowohl Kontakte zu den Hells Angels als auch zu dem arabischen Familienclan haben. Allerdings soll er wenige Tage vor dem Blutbad in der Lagerstraße in Untersuchungshaft gekommen sein, weil er einer Bande von Drogendealern angehört haben soll, die versucht haben soll, tonnenweise Kokain aus Südamerika einzuführen und Cannabis-Indoorplantagen betrieb. Nach Informationen des Blattes gibt es Spekulationen, dass der 51-Jährige möglicherweise als Vermittler auf die Konfliktparteien hätte einwirken können. Doch auch die Ermittlungen im Zuge der insgesamt acht Schüsse auf die Shishabar an der Grindelallee sollen mittlerweile in Richtung Organisierter Kriminalität weisen. Nach Informationen des NDR führt eine Ermittlerspur zu einem Geschäftsmann aus dem Umfeld des Lokals. Dieser soll früher Geschäftspartner eines ehemaligen Hamburger Polizisten gewesen sein. Brisant: Der Polizist wird seit April vermisst. Die Polizei geht davon aus, dass der 35-jährige Ex-Beamte einem Verbrechen zum Opfer fiel, möglicherweise sogar getötet wurde. Der Polizist war aus dem Dienst entlassen worden, weil er Funkgeräte der Polizei gestohlen und verkauft hatte. Doch die Shishabar war nicht der einzige Tatort am Wochenende: Am Sonntag wurden mehrere Einschusslöcher im Schaufenster und in der Fassade eines veganen Dönergroßhändlers an der Bramfelder Straße entdeckt. Der Staatsschutz ermittelt zudem nach Schüssen auf den Geschäftssitz einer iranischen Bank in der Hamburger Altstadt. Und dann wurden zwei Männer nach einem Streit im Hamburger Stadtteil Billstedt mit Schussverletzungen aufgefunden. GdP fordert ein aktuelles Lagebild Die Gewerkschaft der Polizei Hamburg (GdP) verurteilte die Vorfälle aus den vergangenen Wochen: „Schüsse auf Busse, Autos, Wohnungen und Lokale dürfen nicht zur neuen Normalität werden“, sagte Lars Osburg, Vorsitzender der GdP Hamburg. „Das trifft nicht nur irgendwelche Milieus. Es erreicht den Alltag der Menschen in unserer Stadt.“ Die GdP fordert ein aktuelles Lagebild: Wie häufig werden scharfe Waffen eingesetzt? Woher kommen sie? Welche Verbindungen bestehen zu kriminellen Netzwerken und Auftragstaten? Gleichzeitig fordert die GdP mehr behördenübergreifenden Kontrolldruck. Wo Erkenntnisse über kriminelle Strukturen vorliegen, müssen die vorhandenen Möglichkeiten konsequent gebündelt werden – von Polizei und Bezirksämtern bis hin zu Zoll und Finanzbehörden. Gezielte Gewerbekontrollen können dabei helfen, Strukturen aufzudecken und ihnen wirtschaftlich den Boden zu entziehen, sagt Osburg. Die GdP warnte zugleich davor, „unterschiedliche Schusswaffentaten ohne Ermittlungserkenntnisse miteinander zu verbinden“. Die Verdichtung der vergangenen Wochen ist aber Anlass genug, genauer hinzusehen und vorhandene Kontrollmöglichkeiten konsequent auszuschöpfen, so Osburg. Auch die Hamburger CDU fordert einen deutlich höheren Kontrolldruck auf bewaffnete kriminelle Strukturen und hat dazu einen Antrag in die Bürgerschaft eingebracht. „Meldungen über Schusswaffengebrauch im Clanmilieu der organisierten Kriminalität sind in Hamburg unter SPD und Grünen erschreckende Normalität geworden. Ewiges Leugnen dieser Strukturen durch die politisch Verantwortlichen hat die Milieus erstarken und sich sicher fühlen lassen“, erklärte der innenpolitische Sprecher der CDU, Dennis Gladiator. Auch er fordert ein aktuelles Lagebild zur Schusswaffenkriminalität, eine systematische Analyse des illegalen Waffenhandels sowie regelmäßige behördenübergreifende Verbundeinsätze. Polizei und Staatsanwaltschaft sollen personell und technisch gestärkt werden. Der Senat dürfe nicht warten, bis wieder geschossen wird und auch Unbeteiligte getroffen werden, sagte Gladiator.