Welt 06.08.2026
07:05 Uhr

„Sie haben mich achtmal aufgezogen und fallen lassen, was mir unselige Schmerzen verursachte“


In den ersten Jahren des Dreißigjährigen Krieges wurde Bamberg zu einem Zentrum der Hexenverfolgung. Mit welcher Perfidie die Richter des Fürstbischofs Geständnisse erpressten, hat eines ihrer Opfer in einem erschütternden Brief beschrieben.

„Sie haben mich achtmal aufgezogen und fallen lassen, was mir unselige Schmerzen verursachte“
Bundesinnenminister Dobrindt (CSU, rechts) bei einer Pressekonferenz am Flughafen Leipzig. Hinter ihm steht Armin Schuster (CDU), Innenminister von Sachsen. Hendrik Schmidt/Hendrik Schmidt/dpa

Johannes Junius war das, was man heute einen Honoratioren nennen würde, in bestem Sinne. Obwohl er 1573 in der Wetterau geboren worden war, hatte er es im fränkischen Bamberg in kommunalen Ämtern zu Ansehen und Wohlstand gebracht. Fünfmal wurde er zum Bürgermeister gewählt, rund 20 Jahre gehörte er dem Rat der Stadt an. Bis er im Sommer 1628 ins Visier des Bamberger Fürstbischofs Johann Georg II. Fuchs von Dornheim geriet. Der beschuldigte Junius der Hexerei. Der Prozess liefert ein Schlaglicht auf die Hexenverfolgung in Deutschland (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article193199851/Hexenverfolgung-An-diesem-Tod-verdient-die-Kirche-noch-heute.html) , weil Junius seiner Tochter kurz vor seiner Hinrichtung am 6. August 1628 in einem Brief seine Passion bis ins Detail schilderte. Dass im Dreißigjährigen Krieg die Hexenverfolgung (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article125069598/Mit-Teufel-geschlafen-warum-Hexen-brannten.html) im Heiligen Römischen Reich einen Höhepunkt erreichte, erklärt sich nicht zuletzt mit den entsetzlichen Verwüstungen, mit Hunger, Seuchen, Hinrichtungen, allgegenwärtiger Unsicherheit und Gewalt. Existenzängste trieben die Menschen dazu, nach Schuldigen zu suchen. In Bamberg kam hinzu, dass 1623 mit Johann Georg ein Fanatiker an die Spitze des Fürstbistums gelangte, der das Wüten gegen das „gräuliche, hochsträfliche Laster der Zauberei“ seines Vorgängers Johann Gottfried I. von Aschhausen noch einmal zu steigern suchte und dabei vom gemeinsamen Weihbischof Friedrich Förner unterstützt wurde. Auf ihn geht der Bau eines Drudenhauses zurück. Die Hysterie, mit der die Führung des Bistums dieses Hexengefängnis füllte, hatte ihren Grund aber nicht allein in den Folgen des Krieges. Johann Georg verstand sich als Speerspitze der Gegenreformation. Die Siege der kaiserlichen Armeen über die Protestanten in den 1620er-Jahren sah er als Gelegenheit, die Ketzerei mit Stumpf und Stiel auszulöschen. Dabei ließ er sich in seinem Wüten auch nicht von kaiserlichen Einwürfen abhalten, die ihm auftrugen, sich an geltende Gesetze zu halten. Das mussten zwischen 1623 und 1633 rund 1000 Menschen mit dem Leben bezahlen, rund ein Zehntel der Bewohner Bambergs (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/muenchen/article121691012/Ein-Denkmal-dort-wo-frueher-Hexen-brannten.html) . Vielleicht war es die erfolgreiche Invasion des kaiserlichen Feldherrn Wallenstein in Norddeutschland (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article167987661/Katholische-Liga-dringt-in-Norddeutschland-ein.html) , die Johann Georg bewog, nun auch die Honoratiorenschaft Bambergs von teuflischen Gedanken zu säubern (was zudem den Vorteil hatte, dass sich ihre Vermögen einziehen ließen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article232641041/Hexenverfolgung-Man-spannte-ihren-Kopf-in-eine-eiserne-Haube-und-zog-sie-an.html) ). Im Mai 1628 wurde der (weltliche) Kanzler des Bischofs, Georg Haan, verhaftet und ihm der Prozess gemacht. Ein Rettungsversuch des Kurfürsten Maximilian von Bayern hatte nur den Effekt, die Folter noch perfider zu gestalten. So wurden dem Angeklagten Protokolle von fiktiven Verhören vorgelesen, in denen er als Hexer bezeichnet wurde. Wohl um seine Qualen unter der Folter abzukürzen, bezichtigte Haan sich selbst und denunzierte weitere Mittäter, deren Namen ihm vorgelegt wurden. Einer von ihnen war Johannes Junius. Nachdem bereits im Frühjahr seine Frau verhaftet und auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden war, wurde ihm im Juli der Prozess gemacht. In dem Brief, den Junius am 24. Juli 1628 an seine Tochter Veronika aus dem Drudenhaus schrieb, hat er das Prozedere dieser Verfahren ausführlich geschildert: „Als mich der Henker (nach der Tortur) wieder in das Gefängnis brachte, sagte er zu mir: Herr, ich beschwöre Euch um Gottes willen, gesteht etwas, ob es der Wahrheit entspricht oder nicht. Denkt Euch irgendetwas aus, denn die Folter, der man Euch unterwirft, könnt Ihr doch nicht aushalten.“ Der Brief, der sich im Staatsarchiv Bamberg befindet, umfasst vier eng beschriebene Seiten im Format ca. 26 mal 15,5 Zentimeter. Die Zitate folgen dem Original, das der Historiker Harald Parigger (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Harald_Parigger) ins heutige Deutsch übertragen hat („Geschichte in Wissenschaft und Unterricht“, 41./1990). Der Text sei durchaus flüssig geschrieben, merkt Parigger an, obwohl „der Henker (kam), legte mir die Fingerschrauben an und drückte mir die Hände so zusammen, dass das Blut zu den Nägeln herausdrang und ich die Hände vier Wochen nicht habe gebrauchen können, wie Du an meiner Schrift noch erkennen kannst“, wie Junius seiner Tochter schrieb. Es kam noch schlimmer: „Danach hat man mich ausgezogen, mir dann die Hände auf den Rücken gebunden und mich (an ihnen) in die Höhe ... gezogen. Da dachte ich, Himmel und Erde gingen unter, denn in dieser Weise haben sie mich achtmal aufgezogen und wieder fallen lassen, was mir unselige Schmerzen verursachte. Und währenddessen war ich völlig nackt, weil sie mich haben vorher ausziehen lassen.“ Gegen die erpressten Geständnisse von Haan und fünf weiteren Delinquenten verhallten Junius’ Beteuerungen: „Ich bin kein Hexer, in der Sache habe ich ein reines Gewissen, auch wenn Ihr tausend Zeugen bringt“. Stattdessen brachte ihn die Folter dazu, dass es besser sei, „wenn ich etwas nur behauptete, es in Wahrheit aber gar nicht getan hätte ... Nun folgt, mein liebstes Kind, was ich ausgesagt habe und wodurch ich der schweren Folter und der grausamen Tortur entgangen bin, welche ich unmöglich noch länger hätte ertragen können.“ Danach hätte sich auf einem Acker eine Grasmagd (weiblicher Dämon) an ihn herangemacht, die sich nach dem Sex in einen Geißbock verwandelt und ihm gesagt habe: „Jetzt siehst du, mit wem du es zu tun hast ... Du musst mir gehören.“ Später habe der Leibhaftige ihn getauft, wobei zwei Frauen Pate gestanden hätten, von da an sei er regelmäßig zum „Hexentanz gewesen“. Doch dem Richter, einem gewissen Dr. Braun, sei das nicht genug gewesen. Stattdessen musste Junius „etliche Personen“ nennen und schließlich unter neuerlicher Androhung der Folter bekennen, „eine Hostie entwendet und in die Erde eingegraben“ zu haben. „Da haben sie mich endlich zufriedengelassen.“ Als „Trudner“ (männlicher Dämon) wurde der ehemalige Bürgermeister für schuldig befunden und hingerichtet. „So wahr mir Gott helfe, alles ist erfunden und erlogen.“ Er sei „kein Hexer, sondern ein Märtyrer. Aber ich sterbe gefasst“, beteuerte Junius am Ende seiner Tochter und riet ihr, ihren Anteil zu nehmen und für ein halbes Jahr aus der Stadt zu verschwinden. Erreicht hat der Brief Veronika Junius wohl nie. Sein Eingang in das Archiv legt nahe, dass er von den Behörden abgefangen wurde, schreibt Parigger. Schließlich wurden die Bamberger Exzesse selbst den katholischen Ständen im Reich zu viel. 1631 stellte der kaiserliche Reichshofrat fest, dass niemand allein durch Denunziation der Hexerei bezichtigt werden könne. Doch erst die Eroberung Bambergs durch schwedische Truppen Anfang 1632 machte dem Spuk ein Ende. Die letzten Insassen des Drudenhauses wurden befreit. Johann Georg II. Fuchs von Dornheim musste fliehen und starb bald darauf im österreichischen Exil. Von einer erfolgreichen Gegenreformation im Reich (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article187609840/Dreissigjaehriger-Krieg-Dieser-Vertrag-verwuestete-Deutschland.html) konnte da schon längst nicht mehr die Rede sein. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Frühe Neuzeit zu seinem Arbeitsgebiet.