Welt 22.09.2026
08:22 Uhr

Sigmar Gabriel und der „perfekte Sturm“ über Deutschland


Nach den Wahlniederlagen von CDU und SPD wächst der Druck auf Kanzler Friedrich Merz. Bei „Maybrit Illner“ erklärt der frühere SPD-Chef Sigmar Gabriel, die Brandmauer in der Gesellschaft sei gescheitert.

Sigmar Gabriel und der „perfekte Sturm“ über Deutschland

„Wer will oder kann mit wem regieren? Was bedeuten die Wahlergebnisse für das Land und die Bundesregierung?“, fragte Maybrit Illner in einer Sondersendung den Vorsitzenden der Unionsfraktion Thorsten Frei (CDU), den ehemaligen Vizekanzler und früheren SPD-Chef Sigmar Gabriel, den Politikwissenschaftler Christian Stecker, die Journalistin vom RedaktionsNetzwerk Deutschland Eva Quadbeck. Noch bevor die Wahlergebnisse endgültig feststanden, hatte Friedrich Merz öffentlich angekündigt, „Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld“ aufzubringen. Maybrit Illner setzt genau dort an und konfrontiert Unionsfraktionschef Thorsten Frei mit der entscheidenden Frage: Hat auch der Bürger noch die Geduld, die Merz für seinen politischen Kurs einfordert? Lesen Sie hier unseren Liveticker (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article6aafd698b1857e86757a8482/kritik-an-merz-so-dreist-wie-merz-hat-noch-nie-ein-kanzler-die-menschen-im-stich-gelassen-liveticker.html) zu den Wahlen und ihren Folgen. „Das war natürlich ein Desaster. Das war mehr als nur eine Zäsur. (…) Nichtsdestotrotz haben wir Aufgaben zu erledigen und deshalb muss man jetzt daraus die richtigen Schlussfolgerungen ziehen“, so Frei und führte aus: „Es gibt jetzt überhaupt keine Zeit zu verschenken, sondern wir müssen in der Koalition schauen, dass wir so schnell wie möglich liefern.“ Illner hakte nach: Werde jetzt nur Zeit gewonnen für den Bundeskanzler, oder glaubt Frei, dass es nur noch darum gehe, einen festzulegen, der Merz dann am Ende ablösen könne? Frei wies die Frage zurück: „Das wäre alles Nabelschau.“ Er sagte, die Union müsse jetzt nicht über Personal, sondern über konkrete Ergebnisse und das „Liefern“ sprechen. Für die SPD gehe es um das „politische Überleben“ Die Journalistin Quadbeck beschrieb Merz als politisch angeschlagen, betonte aber zugleich, dass seine Ablösung keineswegs unmittelbar bevorstehe. Quadbeck sieht das Scheitern von Reformen als möglichen entscheidenden Moment für Merz. Fehlen im Herbst bei der Rentenreform oder dem Haushalt im Parlament die Mehrheiten, könnte er unter Druck geraten und möglicherweise die „Vertrauensfrage“ stellen. Der Politikwissenschaftler Christian Stecker sieht das zentrale Problem der Regierung darin, dass Union und SPD unter „Reformen“ unterschiedliche Dinge verstehen. Beide Parteien verfolgen unterschiedliche Interessen, für die SPD gehe es dabei auch um ihr politisches Überleben. Der ehemalige Vizekanzler und frühere SPD-Chef Sigmar Gabriel beschrieb die Situation in Deutschland als „außergewöhnlich“: „Das Land erlebt einen perfekten Sturm.“ Die Bedingungen in der Vergangenheit, die dem Land als Exportnation Wohlstand gebracht hätten, veränderten sich ins Gegenteil. „Wir haben einen enormen Anpassungsdruck und natürlich auch ganz viel Angst in der Bevölkerung und eben tatsächlich auch ein Führungspersonal, das sich selbst infrage stellt.“ Er selbst halte wenig von einem möglichen Kanzlerwechsel. Solange es keinen konkreten Nachfolger gebe, seien solche Debatten wenig realistisch. Ein Kanzlerwechsel würde zudem „kein Problem ändern“, sondern könnte „innerhalb der Partei noch mal eine richtige Spaltung herbeiführen“. Er bezog sich ironisch auf seine eigene Partei: „Normalerweise machen das nur Sozialdemokraten“, wobei auch die Moderatorin lachen musste. Gabriel übte auch weiter Kritik an seiner Partei und stellte dabei Manuela Schwesig als Gegenbeispiel zur Berliner SPD dar. Er lobt ihren klaren Kurs bei „Wirtschaft und Sozialem“ sowie ihre deutliche Abgrenzung von der AfD. Schwesig habe im Wahlkampf geschlossen für die SPD gestanden, während man in Berlin „eine drittklassige Funktionärskaste hat antreten lassen“. „Auf der einen Seite wirklich eine kämpferische Frau und hier haben Sie eine Truppe, die sozusagen im Wesentlichen an sich selbst denkt.“ Schwesig hätte in der Sendung zugeschaltet werden sollen, doch aus privaten Gründen kam es nicht dazu. Stecker kritisierte Schwesigs Strategie „Frau gegen Blau“ als Fortsetzung des bisherigen Anti-AfD-Kurses. Damit habe die SPD vor allem Stimmen aus dem Anti-AfD-Lager gewonnen, aber kaum AfD-Wähler zurückgeholt. Durch die Brandmauer werde der Parteienwettbewerb zudem zunehmend entleert. Gabriel betonte, dass die AfD nicht überall gleich stark sei und verwies auf Niedersachsen, wo sie bei den Kommunalwahlen unter 20 Prozent lag. Doch sagte er: „Die Brandmauer ist in der Gesellschaft gescheitert“, weil die Wut auf die etablierten Parteien bei vielen Wählern stärker sei. Gleichzeitig verteidigte Gabriel Schwesigs Wahlkampfstrategie: Es gebe keine bundesweite AfD-Welle von 40 bis 45 Prozent, und die Ergebnisse hingen auch davon ab, wie Parteien vor Ort auftreten. Schwesig sei strategiefähig, habe einen erfolgreichen Wahlkampf geführt und ohne ihre persönliche Stärke hätte die SPD laut Gabriel dieses Ergebnis nicht erreicht. „Die AfD besetzt jetzt große Teile dessen, was wir Mitte nennen würden“ Im weiteren Gespräch ging es um die Frage, ob die politische Mitte tatsächlich für tot erklärt werden kann, während AfD und Linkspartei die großen Gewinner der jüngsten Landtagswahlen wurden. Stecker betonte, dass politische Wahrnehmungen subjektiv seien und Menschen dieselben Entwicklungen unterschiedlich beurteilen. Er wies auch darauf hin, dass die Beschreibung als „Mitte“ eben auch eine „strategische Selbstbeschreibung“ ist, die heute nicht mehr von allen Menschen geteilt wird. Viele heutige AfD-Wähler nähmen frühere politische Entscheidungen von Merkel und der Ampel als radikal wahr. Gabriel dazu: „Mitte ist doch kein feststehender Ort.“ Mitte sei quasi ein Synonym für Mehrheit, und die AfD besetze jetzt große Teile dessen, „was wir Mitte nennen würden“. Er warnte davor, die Partei zu unterschätzen, da sie einen großen Teil der Menschen erreiche. Er beobachte hierbei eine Verschiebung ins Konservative: „Wir haben jetzt 35 Jahre quasi linksliberale Mehrheiten und dass jetzt das Pendel nach rechts geht, hat was Normales. Die Frage ist, wie weit, und da lässt die AfD eben große Zweifel offen, ob sie nicht am Ende eine autoritäre und illiberale Republik will.“