Welt 19.05.2026
07:18 Uhr

So schmählich verloren die USA den Vietnamkrieg


Das Bild ging um die Welt: Ein US-Hubschrauber musste am 29. April 1975 fluchtwillige Menschen in Südvietnams Hauptstadt Saigon zurücklassen. Es war die demütigendste Niederlage in der amerikanischen Geschichte. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.

So schmählich verloren die USA den Vietnamkrieg
Zwei Schweizer (vorn Christoph Bertschy) gegen vier Deutsche, aber wie in dieser Szene waren die Gastgeber am Ende hoch überlegen. Claudio Thoma/Keystone/dpa

Das Ende kam unerwartet schnell. Seit Jahren schon hatten die USA ihre militärische Präsenz in Südvietnam (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article172747850/Vietnamkrieg-Wie-die-USA-ihren-Sieg-verschenkten.html) reduziert, von mehr als einer Million Mann gleichzeitig im März 1969 auf nur noch wenige tausend sechs Jahre später. Doch was dann zwischen dem 10. März und dem 29. April 1975 geschah, überraschte dennoch praktisch alle Beobachter. Es hatte mit einer begrenzten Offensive begonnen: Rund 300 Kilometer nordöstlich der südvietnamesischen Hauptstadt Saigon griffen nordvietnamesische Truppen an, unterstützt von kommunistischen Rebellen des Vietcong. Wider alle Erwartung ließ dieser Vorstoß die südvietnamesische Armee an der Front zusammenbrechen: Unkontrolliert lösten sich ganze Divisionen auf, tauchten ihre Soldaten ab. Daraufhin startete Nordvietnam Anfang April einen waghalsigen Vorstoß, um schnell die gegnerische Metropole zu erobern. Auch das ging leichter als geplant: Bis zum 21. April stießen Truppen bis an den Stadtrand vor. Südvietnams gewählter, aber dennoch diktatorisch regierender Präsident Nguyen Van Thieu trat zurück und flüchtete ins Exil nach Taiwan. Am 23. April musste US-Präsident Gerald Ford (verlinkt auf https://www.whitehousehistory.org/bios/gerald-ford) in einer Fernsehansprache (verlinkt auf https://www.politico.com/story/2016/04/ford-says-vietnam-war-over-for-america-april-23-1972-222165) das bevorstehende Ende des US-Engagements in Südvietnam verkünden. Nun ging es nur noch darum, möglichst viele US-Bürger und andere westlich orientierte Ausländer aus Saigon herauszuholen. Doch einen reibungslosen Abzug wollte der Norden dem wichtigsten Unterstützer des geschlagenen Gegners nicht gewähren: Am 27. April 1975 schlugen die ersten nordvietnamesischen Raketen auf dem Flughafen von Saigon ein. Die seit Ende März laufende Evakuierung von Anhängern Thieus und Ausländern mit Transportmaschinen musste eingestellt werden. Nun waren Hubschrauber die letzte Rettung, die von Saigon Richtung Südosten aufs Meer zu den dort wartenden US-Flugzeugträgern fliegen konnten. „Der Krieg in Vietnam ist ein Lehrstück. Dass es keinen Ersatz für den Sieg gibt, haben die Kommunisten beherzigt, die Amerikaner vernachlässigt“, kommentierte WELT-Chefredakteur Herbert Kremp (verlinkt auf https://www.welt.de/debatte/kommentare/article206729585/Herbert-Kremp-gestorben-Ein-Mensch-in-seinem-ganzen-Widerspruch.html) in der Ausgabe vom 30. April 1975: „Ihnen fehlte das die Schmerzen abtötende Motiv, das die andere Seite besaß. Washington suchte seine Ehre über das Ende des Krieges zu retten; der Gegner ließ es nicht zu.“ Da kannte der Publizist noch nicht die größte Demütigung, die der Niederländer Hubert van Es (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article255997892/Niederlage-im-Vietnamkrieg-150-Dollar-Praemie-fuer-ein-Foto-das-um-die-Welt-ging.html) , ein Kriegsfotograf im Dienste der Nachrichtenagentur United Press International, am 29. April 1975 gegen 14.30 Uhr Ortszeit festhielt. Zu dieser Zeit setzte eine Bell Huey der formal privaten, faktisch von der CIA betriebenen Fluggesellschaft Air America auf dem Aufzugsschacht eines Apartmenthauses in der Gia Long Street 22 auf, um den stellvertretenden CIA-Chef in Saigon und einen vietnamesischen Mitarbeiter abzuholen. Rund zwei Dutzend Menschen versuchten über eine improvisierte Treppe, zu dem Helikopter zu kommen. Doch die meisten mussten zurückbleiben. Van Es machte etwa zehn Aufnahmen, dann eilte er in die Dunkelkammer des Agenturbüros, um seine Aufnahmen zu entwickeln. Die Zeit drängte, denn um 17 Uhr musste er seine zwei, maximal drei wichtigsten Fotos des Tages ins UPI-Büro Tokio übertragen, das sie an die angeschlossenen Redaktionen verteilte. Pro Foto dauerte die Übertragung etwa zwölf Minuten. Daher wählte Hubert van Es von den Aufnahmen des Hubschraubers auf dem Dach das dramatischste Motiv aus, bei dem sich der Zivilist hinunterbeugt zu den Menschen auf der Leiter. Am 30. April 1975 druckten unter anderem die „New York Times“, die „Washington Post“ und der „Boston Globe“ das Bild, in Europa unter anderem das „Hamburger Abendblatt“ und die Tageszeitung „Der Bund“ aus Bern – nicht aber WELT. Warum sich die Redaktionsleitung entschloss, diese Fotoikone nicht zu zeigen, ist unklar. Denn dieses Bild symbolisierte wie kein anderes die demütigende Niederlage der USA in Vietnam. Trotz korrekter Bildunterschrift verbreitete sich freilich der Irrtum, die Aufnahme von Hubert van Es zeige die Evakuierung der letzten Amerikaner aus der US-Botschaft. Die fand tatsächlich aber erst rund 17 Stunden später statt, am 30. April 1975 um genau 7.53 Uhr morgens Ortszeit. Da holte ein Hubschrauber der US Navy die allerletzten Marines vom Dach der Vertretung ab. Allein auf dem US-Grundstück blieben mehr als 10.000 weitere fluchtwillige Vietnamesen sowie rund hundert Südkoreaner zurück. Die meisten von ihnen durften erst im folgenden Jahr das nun komplett kommunistische Vietnam verlassen; drei ranghohe Männer, darunter ein General, sogar erst im April 1980. Am 30. April 1975 marschierten nordvietnamesische Truppen in Saigon ein. WELT-Korrespondent Robert Alexander kabelte unmittelbar danach: „Ich habe eben die Vietkong begrüßt. Die meisten sind jung; sie sind in Siegerlaune und freundlich. Hoffentlich bleibt es so. Der Vorplatz des Präsidentenpalastes ist mit Lastwagen voll Soldaten, Tanks mit Infanterie und Schützenpanzern besetzt. Einzelne Menschen kommen aus den Häusern, reichen den Soldaten Wasser. Zuweilen hört man noch schwere Kanonenschüsse und Gewehrfeuer vom Palast, dreihundert Meter von uns entfernt. Aber die Schlacht um Saigon ist vorbei.“ Verloren hatte die militärische Supermacht USA den Krieg gegen Nordvietnam im Wesentlichen aus sechs Gründen: dem undurchdringlichen Dschungel als Schlachtfeld; dem nicht überzeugenden Ziel des Engagements; der mangelnden Unterstützung der eigenen Verbündeten vor Ort und weltweit; der geschickten Taktik der Kommunisten, vor allem ihrer Tunnel; der Konfrontation mit dem gesamten Ostblock, der Nordvietnam unbegrenzt mit Waffen und anderem Nachschub unterstützte; schließlich und am wichtigsten der ablehnenden öffentlichen Meinung in der Heimat. So erklang auf der Frequenz des US-Militärradios in Saigon am Morgen des 29. April 1975 plötzlich der Weihnachtsklassiker „White Christmas“. Der Song war das verabredete Signal für die Komplettevakuierung. Nach mehr als 20 Jahren Krieg standen Nordvietnams Kommunisten unmittelbar vor dem totalen Sieg. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.