Es ist Feierabend auf St. Pauli. Vor einer Kneipe in einer Seitenstraße der Reeperbahn, der Großen Freiheit, trinken Männer ihr Bier. Touristen schieben sich vorbei, starren auf die Leuchtreklamen und Neonlichter: Dollhouse, Safari Bierdorf, Stripclubs und Bars. „Später ist hier mehr los, da müsste ich schreien“, sagt die Historikerin und Stadtführerin Eva Decker. Anlässlich des 400-jährigen Bestehens der Reeperbahn (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/reeperbahn/) bietet Decker in diesem Jahr historische Rundgänge über den Kiez an. Sie erzählt dabei von einer Straße, die bundesweit als „sündige Meile“ bekannt ist – deren Geschichte aber lange vor Rotlicht, Kneipen und Partytourismus begann. Die Gegend lag lange vor den Toren Hamburgs, zwischen der Hansestadt und der damals eigenständigen Stadt Altona. Die Reeperbahn entstand Anfang des 17. Jahrhunderts als Arbeitsort für die Reeper, also die Seilmacher. Für ihre Arbeit brauchten sie lange, gerade Bahnen: Auf bis zu 300 Meter langen Strecken spannten sie ihre Seile und drehten sie mit Kurbeln ein. Bis ins 17. Jahrhundert hinein arbeiteten die Reeper noch innerhalb Hamburgs. Doch die Stadt wuchs stark. Deshalb mussten die Handwerker vor die Tore ausweichen. 1626 war der Bau der Bahnen vor dem heutigen Millerntorplatz nachweislich abgeschlossen – jenem Platz, in dessen Nähe heute das Stadion des Fußballbundesligisten FC St. Pauli steht. Auf dieses Jahr stützt sich das nun gefeierte Jubiläum. Ganz eindeutig ist die Sache allerdings nicht. Einige Historiker vermuten, dass die Seilmacher erst nach und nach mit ihrer Arbeit dorthin umzogen. Mit dem bunten Vergnügungsviertel von heute hatte die Gegend damals wenig zu tun. Das Gebiet genoss keinen guten Ruf und war geprägt durch die Grenzlage zwischen zwei Städten. Auf Hamburger (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/hamburger-dom/) Seite landete, was man in der Stadt nicht haben wollte oder wofür dort kein Platz war: unter anderem ein Pesthof, eine Müllhalde und die langen Bahnen der Seilmacher. Altona hingegen setzte auf Freiheiten, die wirtschaftlich nützlich waren. Handwerker durften dort auch ohne Zunftmitgliedschaft arbeiten. „Es ging damals vor allem um wirtschaftliche Interessen“, berichtet Decker. „Man holte sich Skills von außen in die Stadt.“ Auch der Name „Große Freiheit“ geht auf diese Zeit zurück. Dort galt nicht nur Gewerbefreiheit, sondern auch Religionsfreiheit. Katholiken, Juden, Mennoniten und andere religiöse Minderheiten, die im evangelisch-lutherisch geprägten Hamburg nicht gern gesehen waren, fanden hier Zuflucht. „Die Große und die Kleine Freiheit wurden zu einem diversen Konglomerat“, sagt Decker. Eine Spur dieser Vergangenheit steht noch immer zwischen Bars und Leuchtreklamen: die katholische Kirche Sankt Joseph. Ihr Steinbau wirkt in der Großen Freiheit heute fast wie ein Fremdkörper. Einen weithin sichtbaren Turm hat die Kirche nicht. „Andere Religionen als die Lutheraner wurden im 17. Jahrhundert geduldet“, erklärt Decker. „Sie durften aber möglichst nicht auffallen.“ Auch politisch lag die Gegend in einem Spannungsfeld. „Damals fanden die Religionskriege statt.“ Altona fiel bald schon an Dänemark. „Die Bewohner standen damit zwischen den Fronten“, so Decker. Unterhaltung spielte in dieser frühen Zeit kaum eine Rolle. Zwar feierten die Menschen Feste. „Doch die waren nicht vergleichbar mit dem, was man heute so kennt.“ Auch der Alltag folgte einem anderen Rhythmus. Für die Reeper begann der Arbeitstag mit dem Sonnenaufgang und endete mit dem Sonnenuntergang. Der Wandel zur sündigen Meile „Der Bruch kam erst im 19. Jahrhundert und mit der Industrialisierung“, erklärt die Historikerin. Immer mehr Dampfschiffe fuhren über die Elbe, die alte Seilherstellung verlor an Bedeutung. Reepschläger und Seeleute verschwanden allmählich aus St. Pauli, wie die Gegend nun offiziell genannt wurde. Dafür kamen Besucher. Hotels, Spielbuden und Theater öffneten. „St. Pauli wurde ab den 1830er-Jahren zu einem verbotenen Ort der Unterhaltung, zu der sündigen Meile, zu der man offiziell nicht hinging“, sagt Decker. „Heute aber kommen die Leute hier gerade wegen der sündigen Meile.“ Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Altona Teil Hamburgs. Am Millerntor erinnert nur noch wenig an die einstige Grenze zwischen den beiden Städten. Autos und Busse rollen über eine mehrspurige Straße. Am Abend werden die Stimmen lauter, die Lichter heller, die Gruppen größer. Vor 400 Jahren begann der Tag hier mit dem Sonnenaufgang. Heute beginnt er mit dem Sonnenuntergang.