Drei Tage nach ihrer überraschenden Absage an die bisherigen Pläne für ein neues Naturkundemuseum in Hamburg hat die Grünen-Fraktion ihren Vorstoß selbst als Fehler bezeichnet. Fraktionschef Michael Gwosdz erklärte am Montag, die Fraktion stehe weiterhin klar zur Umsetzung des Staatsvertrags für das Leibniz-Institut und wolle „die Ergebnisse des laufenden Verhandlungsprozesses abwarten“. Hamburg versucht seit Jahrzehnten, sein im Jahr 1943 bei Bombenangriffen zerstörtes Naturhistorisches Museum neu aufzubauen, um eine Heimat für seine bedeutenden naturkundlichen Sammlungen zu finden. 2020 wurden die Planungen sehr konkret. Zuletzt schien auch die Lösung für den Ort gefunden: Der Senat will große Teile des Elbtowers übernehmen, wenn das private Konsortium, das den Elbtower fertigstellen will, dort für rund 595 Millionen Euro ein neues Naturkundemuseum einrichtet. Das „Evolutioneum“ getaufte Museum soll zugleich eine Zukunft für die Bauruine an den Elbbrücken schaffen. Die Verhandlungen des privaten Konsortiums mit dem Insolvenzverwalter der Signa, die das Projekt ursprünglich entwickeln wollte, laufen noch. Am Freitag kam dann ein alternatives Angebot des Hamburger Unternehmens Büll & Liedtke hinzu. Demnach könnte für das Museum ein Kontorhaus am Besenbinderhof hinter dem Hauptbahnhof umgebaut werden – für 495 Millionen Euro. Genau dieses Angebot löste die Debatte aus. Mit Verweis auf den Sparkurs des Senats und die angespannte Haushaltslage hatten die Grünen erklärt, öffentliche Mittel würden derzeit vor allem für Kitas, Schulen, Hochschulen und Familien benötigt. Sowohl die Elbtower-Variante als auch das neue Angebot, das ebenfalls kein „Schnäppchen“ sei, seien deshalb schwer zu rechtfertigen. „Wir können nicht bei Kitas, Schulen und Hochschulen um jeden Euro ringen und gleichzeitig knapp eine halbe Milliarde für ein großes Museumsprojekt ausgeben“, ließ sich Grünen-Fraktionschef Gwosdz am Freitag zitieren. Hamburg stehe für Spitzenforschung und auch die Grünen wollten „die wertvollen naturkundlichen Sammlungen endlich angemessen sichern“. Dafür brauche man „aber keinen teuren Museumsneubau mit Prestigeadresse, sondern vor allem moderne Labore, funktionale Ausstellungsflächen und gut erschlossene Depots.“ Mit diesem Vorstoß verärgerte Gwosdz allerdings nicht nur die SPD, die fast umgehend erklärte, das Vorgehen des Koalitionspartners sei mit ihr nicht abgestimmt. Er verärgerte auch die eigenen Senatsmitglieder. Katharina Fegebank, heute Umweltsenatorin, frühere Wissenschaftssenatorin und Vorkämpferin für das Projekt, fuhr Gwosdz öffentlich über den Mund. Es mache „sehr viel Sinn, erst einmal das Ergebnis der Verhandlungen abzuwarten und dann anschließend eine klare Entscheidung zu treffen“, sagte sie. Maryam Blumenthal, die aktuelle grüne Wissenschaftssenatorin, sagte, man nehme die „vertraglich festgelegten Verpflichtungen sehr ernst“ und sei „an sie gebunden“. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) mischte sich von einer Delegationsreise aus Vietnam ein. Auch er betonte, dass Hamburg durch einen Staatsvertrag an Zusagen für ein Museum gebunden sei. Einen Staatsvertrag im Übrigen, den die Bürgerschaft selbst beschlossen habe. Gemeint ist der Staatsvertrag mit dem Land Nordrhein-Westfalen zur Einrichtung eines Leibniz-Instituts mit Sitzen in Hamburg und Bonn, den die Bürgerschaft 2021 beschlossen hat. Allein in Hamburg verfügt das inzwischen gegründete Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels über 10 Millionen Sammlungsobjekte. Bisher sind Teile davon an drei Orten in Hamburg ausgestellt. Hamburg hat sich mit dem Staatsvertrag verpflichtet, „innerhalb der nächsten Jahre“ ein „neues Gebäude“ zu errichten, um alle drei bisherigen Ausstellungsorte zusammenzuführen. Am Montag nun äußerte sich Gwosdz erneut: Mit Blick auf die Berichterstattung der letzten Tage stelle man fest, dass der Eindruck entstanden sei, die Grüne Bürgerschaftsfraktion würde sich „gegen die Einhaltung des Staatsvertrags und ein mögliches Naturkundemuseum stellen“, sagte der Fraktionschef laut Mitteilung. Das bedauere man ausdrücklich. „Unser öffentlicher Vorstoß vom Freitag war vor diesem Hintergrund ein Fehler.“ Selbstverständlich halte man es auch weiterhin für „den richtigen Weg, die Ergebnisse des laufenden Verhandlungsprozesses abzuwarten und anschließend vor dem Hintergrund aller Erkenntnisse mit dem Koalitionspartner weiter zu beraten und zu bewerten.“