Auf keinen Fall sollten sich die Hauptverantwortlichen für den schlimmsten Krieg aller Zeiten und für millionenfachen Mord ihrer irdischen Strafe entziehen können. Deshalb kontrollierten die Militärpolizisten im Nürnberger Kriegsverbrechergefängnis 1945/46 immer wieder genauestens die Zellen, die Kleidung und alles, was die Häftlinge von außen bekamen – Post, Nahrung, Bücher. Trotzdem konnte sich Hermann Göring, Hauptangeklagter und ehemals zweiter Mann des Dritten Reiches, zwei Stunden vor seiner Hinrichtung umbringen: Am 15. Oktober 1946, einem Dienstag, zerbiss er in seiner Zelle mit der Nummer 5 gegen 22.45 Uhr eine Kapsel mit Blausäure. Wie konnte der ehemals zweite Mann des Dritten Reiches und (in Abwesenheit des verschollenen, tatsächlich längst toten Martin Bormann) wichtigste Angeklagte vor dem International Military Tribunal (verlinkt auf https://icls.de/tribunale/imt.html) (IMT) trotz der regelmäßigen Durchsuchungen das Gift verstecken? Zumal nach der abendlichen Bekanntgabe der für die folgenden frühen Morgenstunden des 16. Oktober vorgesehenen Vollstreckung der Todesstrafe per Strang durch das Guckloch in der Zellentür ständig beobachtet wird (oder zumindest: beobachten werden soll)? Ab 20.30 Uhr ist dafür der US-Gefreite Gordon Bingham zuständig. Er sieht (berichtet er später), wie Göring gegen 20.50 Uhr aufs Klo geht, Hausschuhe anzieht, seine Zelle aufräumt, in einen blauen Pyjama aus Seide schlüpft und sich auf sein Feldbett legt. Die Wolldecke bedeckt seinen Körper bis zur Hüfte. Dann schläft Göring offenbar ein. Gegen 21.15 Uhr dürfen acht Vertreter der Presse durch den Türspion einen letzten Blick auf den Delinquenten werfen, der (scheinbar?) ruhig schläft. Eine Viertelstunde später lässt sich der deutsche Gefängnisarzt Ludwig Pflücker, ein Urologe, die Tür aufschließen. Göring erhebt sich sofort von seiner Liege und spricht mit dem Mediziner, etwa drei Minuten lang. Dann nimmt ein Militärpolizist wahr, wie Pflücker Göring irgendetwas in die Hand drückt, was dieser sofort in den Mund steckt. Nach der Verabschiedung von Pflücker legt er sich wieder hin. Handelt es sich wirklich um je eine Kapsel Amycal und Seconal, zwei starke Schlafmittel aus US-Produktion, wie der Arzt in sein Tagebuch schreibt? Oder doch um etwas anderes? Um 22.30 Uhr ist die Wache von Bingham vorbei; sein Kamerad Harold F. Johnson übernimmt. Göring liegt weiterhin ruhig auf dem Feldbett. Gegen 22.44 Uhr (der US-Soldat schaut eigens auf seine Uhr) drehte er den Kopf erst zur Wand, kurz darauf zurück – als wolle er verhindern, dass der Bewacher sieht, was er tut. Kurz darauf scheint er sich zu „versteifen“ und gibt einen „würgenden Laut von sich“, sagt Johnson später aus. Sofort, als er das wahrgenommen hat, ruft der Gefreite weisungsgemäß nach seinem Vorgesetzten, einem sowjetischen Unteroffizier. Bald stehen mehrere Mannschaftsdienstgrade, Offiziere und Ärzte vor und in der Zelle, dazu ein Kaplan. Sie wissen: Der Mann auf der Pritsche vor ihnen stirbt oder ist sogar schon tot. Hermann Göring hat sich der Vollstreckung des verhängten Todesurteils entzogen. Die genaueste Rekonstruktion der entscheidenden letzten Stunden in seinem Leben hat der Coburger Privatforscher Harald Sandner (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article158956331/In-Coburg-wird-erforscht-was-laengst-bekannt-ist.html) zusammengestellt. Bekannt für sein Standardwerk „ Hitler Itinerar (verlinkt auf https://www.berlinstory-verlag.de/programm/drittes-reich/hitler-das-itinerar-cd/) “, veröffentlicht Sandner eine ganz spezielle Form von Büchern: Dokumentationen, für die er aus allen möglichen Archivmaterialien, zeitgenössischen Zeitungen, wissenschaftlicher Literatur und anderen Quellen detaillierte Chroniken kompiliert. Meist verkneift er sich die Interpretation, stellt stattdessen auch einander ausschließende Darstellungen gegenüber. Außer dem vierbändigen Verzeichnis aller bekannten Aufenthaltsorte Hitlers während seines gesamten Lebens hat er auf diese Weise das letzte Lebensjahr des Diktators bis in jede rekonstruierbare Einzelheit dokumentiert, ferner den Verbleib seiner sterblichen Überreste. Aber eben auch, auf mehr als 700 großformatigen Seiten, Görings Leben: „ Wenigstens zwölf Jahre anständig gelebt (verlinkt auf https://www.shaker-media.eu/de/content/Bookshop/index.asp?ID=2&ISBN=978-3-95631-980-8) “ (Shaker Media 2023. 716 S., 49,90 Euro). Für November 2026 angekündigt ist seine Dokumentation über den rätselhaften Tod von Hitlers Nichte Geli Raubal (verlinkt auf https://www.shaker-media.eu/de/content/Bookshop/index.asp?ID=2&ISBN=978-3-98903-124-1) 1931. Entscheidend am Suizid des 1939 zum potenziellen Nachfolger Hitlers nominierten (und im April 1945 wieder degradierten) „Reichsmarschalls“ ist natürlich: Woher kommt das Gift? Von Ludwig Pflücker, wie die Militärpolizisten vermuten? Von dem evangelischen Kaplan namens Gerecke? Von einem der Wachleute, ob nun bewusst oder unbewusst? Direkt am Leichnam des Toten wird ein Umschlag mit mehreren kurzen handschriftlichen Briefen gefunden, darunter einer an den Gefängniskommandanten Colonel Burton C. Andrus. Darin behauptet Göring: „Die Kapsel mit dem Gift habe ich seit meiner Einlieferung in die Gefangenschaft immer bei mir gehabt.“ Bei seiner Einlieferung in das erste Gefängnis für potenzielle Hauptkriegsverbrecher, das luxemburgische Luxushotel Palace in Mondorf, habe er noch drei Giftkapseln gehabt: „Die erste ließ ich in meinen Kleidern, damit sie bei der Revision gefunden wurde. Die zweite legte ich beim Auskleiden unter den Kleiderständer und nahm sie beim Ankleiden wieder an mich.“ Diese habe er, so der Brief, selbst während der 218 Verhandlungstage des IMT stets bei sich gehabt, und zwar versteckt in seinen Reitstiefeln.“ Die dritte Kapsel befinde sich „noch in meinem kleinen Toilettenkoffer, in der runden Schachtel mit der Hautcreme (in Creme versteckt)“. Dieser Koffer stand wie sein sonstiges Gepäck in einem Lager. Gönnerhaft schloss die Nachricht an den stets korrekten, aber eisenharten Andrus mit den Worten: „Keinen von den mit der Revision Beauftragten trifft eine Schuld, da es fast unmöglich war, die Kapsel zu finden – es wäre reiner Zufall gewesen.“ Aber stimmt Görings Darstellung? Sandner stellt alles überhaupt verfügbare Material zusammen. Zunächst bestätigt die offizielle Leichenschau durch Charles J. Roska, einen Mediziner des US Marine Corps, dass er tatsächlich Blausäure aus einer Glaskapsel zu sich genommen hat, deren Splitter auf seiner Zunge gefunden werden. Ihre Herkunft ist kein Geheimnis: Das Kriminaltechnische Institut des Reichskriminalpolizeiamtes hat sie als „ Selbstvernichter (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article140206893/Am-Ende-gab-es-Zyankali-fuer-das-Volk.html) “ entwickelt und lässt Hunderte davon 1944/45 im KZ Sachsenhausen herstellen (sowie an Insassen „testen“). Ferner bestätigt sich, dass ihm in Mondorf eine solche Kapsel abgenommen worden ist. Die dritte Giftkapsel wird tatsächlich in der Cremedose gefunden; die zweite benutzt Göring. Was genau 2016 für 26.000 Euro von einem unseriösen Münchner Auktionshaus (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article156129734/Die-bizarre-Faszination-fuer-Goerings-Seidenschluepfer.html) versteigert wird, bleibt unklar – mal heißt es, es habe sich um die Messinghülle der zweiten Kapsel gehandelt, mal um einen vollständigen „Selbstvernichter“ Görings. 1958 nimmt sich der Psychiater und ehemalige Gesprächspartner Görings in Nürnberg Douglas M. Kelley mit einer Blausäurekapsel aus deutscher Produktion das Leben. Angeblich soll er das Gift Göring weggenommen haben, aber ob das stimmt, bleibt offen. Die Untersuchungskommission unter Leitung von Colonel Hurless schließt nach intensiven Ermittlungen aus, dass irgendein Beschäftigter des Nürnberger Gerichtsgefängnisses Göring bewusst eine Giftkapsel zugesteckt haben könnte. Ist das Gift in seinem Gebiss versteckt gewesen? Bei der Leichenschau wird kein genauer Zahnstatus des Toten aufgenommen. Allerdings lässt sich eine 24 Millimeter lange und 8,2 Millimeter durchmessende Kapsel (das sind die Maße der „Selbstvernichter“) schlechterdings nicht dauerhaft im Mund verstecken. Der Massenmörder Erich von dem Bach-Zelewski, der als Kronzeuge der Anklage zeitweise im Zellentrakt in Nürnberg inhaftiert gewesen ist, behauptet, er habe Göring eine Giftkapsel zugesteckt. Doch das ist sehr unwahrscheinlich, denn auch der für die Niederschlagung des Warschauer Aufstandes 1944 zuständige SS-Obergruppenführer ist genau kontrolliert und überwacht worden. 2005 bezichtigt sich der 1946 erst 19-jährige damalige Wachmann im Gefängnis Herbert Lee Stivers, Göring die Ampulle gegeben zu haben. Wie aber soll er unbemerkt an einen der „Selbstvernichter“ gekommen sein? Wahrscheinlich handelt es sich nur um Wichtigtuerei eines inzwischen alten Mannes. Auch Harald Sandner kann nach Sichtung sämtlichen verfügbaren Materials nicht endgültig klären, wie genau Hermann Göring an die Giftampulle gekommen ist, mit der er am Abend des 15. Oktober 1946 seinem Leben ein Ende setzt. Jedoch ist Sandners These die logisch einzig einleuchtende Erklärung: Ludwig Pflücker muss irgendwie Zugang zu Görings Gepäck bekommen und seinem Patienten bei der letzten Visite am Todestag gegen 21.15 Uhr die Kapsel übergeben haben. Dazu würden seine widersprüchlichen bis nachweislich frei erfundenen „Beobachtungen“ in seinem Tagebuch passen, das erstmals 1952 veröffentlicht wurde. Haben Sie suizidale Gedanken, oder haben Sie diese bei einem Angehörigen/Bekannten festgestellt? Hilfe bietet die Telefonseelsorge: Anonyme Beratung erhält man rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222 . Auch eine Beratung über das Internet ist möglich (hier der Link) (verlinkt auf https://www.telefonseelsorge.de/) . Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (verlinkt auf https://www.suizidprophylaxe.de/hilfsangebote/adressen/) . Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählt schon seit seinem Geschichtsstudium der Nationalsozialismus. Er hat mehr als 30 Bücher geschrieben, darunter „ Hitlers ,Mein Kampf‘„ (verlinkt auf https://www.klett-cotta.de/produkt/sven-felix-kellerhoff-mein-kampf-die-karriere-eines-deutschen-buches-9783608983821-t-5100) und „ Die NSDAP“. (verlinkt auf https://www.klett-cotta.de/produkt/sven-felix-kellerhoff-die-nsdap-9783608981032-t-4910)