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15.03.2026
15:30 Uhr
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Anlässlich des Todes von Jürgen Habermas veröffentlichen wir seine wichtigsten Texte aus der ZEIT erneut. 1990 porträtierte er das Land kurz vor der Wiedervereinigung.

Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas ist mit 96 Jahren gestorben. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir zwei seiner einflussreichsten Texte aus der ZEIT noch einmal. Im März 1990, wenige Monate nach dem Mauerfall, zeichnete er ein eindrückliches Bild der Bundesrepublik: Er warnte vor Wirtschaftsnationalismus und sprach sich für einen Volksentscheid über eine gemeinsame Verfassung aus. Ein Vierteljahr nach der demokratischen Revolution drüben reichen sie sich die Hand – die Politiker, die sich zu Geschäftsleuten, die Intellektuellen, die sich zu Sängern der deutschen Einheit gemausert haben. Im Feuilleton wird Günter Grass denunziert, in der Talk-Show verwandelt schon der Anblick eines linken Wirtschaftsprofessors die freundlichen Damen und Herren vom Mittelstand in Mob. Das selbstquälerisch-überflüssige Thema gewinnt heute seine Berechtigung: Was wird aus der Identität der Deutschen? Lenken die wirtschaftlichen Probleme den Einigungsprozeß in nüchterne Bahnen? Oder wird die D-Mark libidinös besetzt und in der Weise emotional aufgewertet, daß eine Art wirtschaftsnationale Gesinnung das republikanische Bewußtsein überwältigt? Die Frage ist offen, aber sie drängt sich auf angesichts des mentalen Flurschadens, den der Feldzug der West-Parteien im Ost-Territorium bereits angerichtet hat.