Zeit 15.03.2026
20:09 Uhr

KI-Musik auf Streamingplattformen: Fans lieben ihre Stimme. Aber ist sie echt?


Künstlich generierte Songs erobern Spotify. Künstler und KI-Plattformen streiten vor Gericht um die Einnahmen. Und Hörer fragen sich, was echt ist – wie bei Sienna Rose.

KI-Musik auf Streamingplattformen: Fans lieben ihre Stimme. Aber ist sie echt?
Auf den ersten Blick scheint Sienna Rose eine ganz normale Popkünstlerin zu sein. Sehr erfolgreich noch dazu. Auf Spotify hören monatlich fast zwei Millionen Menschen ihre Musik. Mit gefällig vor sich hin plätschernden R’n’B-Stücken hat sie es in die "Viral 50 – USA"-Playlist geschafft. In eine Reihe also mit Weltstars wie Bruno Mars und Taylor Swift. Doch es gibt etwas, das Rose von Mars und Swift unterscheidet. Erste Hinweise dafür findet man auf ihrem Instagram-Profil, das eine schwarze Frau mit lockigen Haaren zeigt. "Kann es kaum erwarten, live für euch zu performen", schreibt Rose dort zu einem ihrer kurzen Videos. In der Kommentarspalte reagieren viele begeistert ("Liebe, liebe, liebe deine Stimme"), andere skeptisch. "Nicht real", schreibt einer, "nicht menschlich", ein anderer. Den Nutzern ist aufgefallen, dass die Mundbewegungen der Sängerin nicht in jeder Sekunde zum Songtext passen, dass das Bild manchmal seltsam pixelig ist. Tatsächlich gibt es weitere Indizien dafür, dass Sienna Rose keine echte Künstlerin ist. Beim Streamingportal Deezer, das eine spezielle Erkennungssoftware entwickelt hat, sind alle ihre Songs mit einem Warnhinweis versehen: "KI-generierter Inhalt". Es verschiebt sich gerade etwas in der Musikindustrie. KI-generierte Lieder erreichen den Mainstream. Brauchte man bis vor Kurzem noch ein Studio und Instrumente, mindestens aber Verständnis von digitalen Musikprogrammen, um einen Song zu komponieren, genügt es heute, wenige Sätze in spezialisierte KI-Tools wie Suno oder Udio einzutippen. Deren Wert ist in den vergangenen Monaten extrem gestiegen. Suno sammelte kürzlich 250 Millionen Dollar bei Investoren ein. Sieben Millionen Songs werden dort täglich erstellt, nicht alle schaffen es auf die Streamingdienste, aber viele. Und manche sogar in die Charts. Echte Musiker fühlen sich davon bedroht. Laut einer Studie der Gema könnten die Einnahmen von Künstlerinnen und Künstlern im Jahr 2028 durch KI-Songs um 27 Prozent sinken. Die Verwertungsgesellschaft geht deshalb gerichtlich gegen Suno vor. Sie wirft dem Unternehmen vor, urheberrechtlich geschützte Songs unerlaubt für das Training der KI genutzt zu haben. Suno müsse die Künstler an seinen Erlösen beteiligen. Am Montag fand dazu eine mündliche Anhörung am Landgericht München statt. Auch für große Plattenlabels ist der Umgang mit KI kompliziert. Einerseits wollen sie ihre menschlichen Bands und Popstars verteidigen, andererseits wollen sie im Wettlauf um die Technologie der Zukunft nicht den Anschluss verlieren. Und für Hörer stellt sich die Frage: Woher weiß ich überhaupt noch, dass die Musik, die ich höre, echt ist? Die meisten erfolgreichen KI-Künstler legen ihre Produktionsmethoden nicht offen. Im Gegenteil, sie versuchen die Illusion der Echtheit lange aufrechtzuerhalten. Sienna Rose und ihr Management zum Beispiel ließen eine Anfrage der ZEIT unbeantwortet. Die weltweit größten Streamingplattformen sind bei der Suche nach KI-Künstlern ebenfalls keine Hilfe. Zwar setzt sich Spotify laut eigenen Angaben dafür ein, dass ein gemeinsamer Standard für die KI-Kennzeichnung entwickelt wird, bislang kann man auf der Plattform allerdings nicht nachvollziehen, ob ein Song von einem Menschen oder von einer künstlichen Intelligenz erdacht wurde. Bei Apple Music ebenso wenig. Es ist nicht mal klar, ob es die Streamingdienste selbst wissen.