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28.09.2026
15:29 Uhr
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Die deutsche Mannschaft holt überraschend Bronze bei der Schacholympiade in Usbekistan. Woher kommt dieser plötzliche Erfolg?

Das hat es seit einem Vierteljahrhundert nicht gegeben: eine deutsche Schachmannschaft in der Weltspitze. Bei der Schacholympiade im fernen Samarkand an der Seidenstraße holte das Viererteam um Großmeister Vincent Keymer am Sonntag eine Bronzemedaille. Vor ihnen nur die beiden zurzeit dominierenden Schachnationen: Silber für Indien mit dem amtierenden Schachweltmeister Gukesh , Gold für Usbekistan mit dem aktuellen WM-Herausforderer Javokhir Sindarov . Die beiden Zwanzigjährigen werden ihr Titelduell Mitte November in Genf beginnen. Hinter Deutschland landeten große Schachnationen wie die USA, China, Spanien, Ukraine, England … die Liste ist 206 Plätze lang. Die Schacholympiade, alle zwei Jahre ausgetragen, versammelt die ganze Welt am Brett. Wie ist das möglich? Woher diese plötzliche Kraft? Vincent Keymer, als bester deutscher Großmeister am ersten Tisch der Vierermannschaft härtester Gegnerschaft ausgesetzt, hatte vor dem Turnier von seinen Leuten gedacht: »Das ist ’n Team, das hat Potenzial.« Allerdings, räumt der 21-Jährige nach der Siegerehrung gegenüber der ZEIT ein, habe er das bei den beiden vergangenen Olympiaden auch schon gedacht. Es sei dann immer anders gekommen. Dieses Mal startete das Team mit fünf Siegen in Folge. Keymer an eins und an zwei Matthias Blübaum, der im Frühjahr als erster Deutscher seit Ewigkeiten am Kandidatenturnier teilnehmen konnte , hielten ihre Partien gegen Weltklassespieler remis. An den beiden hinteren Tischen kamen die Siege. Vor allem der Mann an drei, Frederik Svane, war nicht zu stoppen. Die richtige Mischung aus Vorbereitung, Aggressivität und Umsicht machte den 22-Jährigen zum Helden des Teams, er holte sechs Siege und fünf Unentschieden aus elf Partien. Auch sein Bruder Rasmus Svane, 29, und Alexander Donchenko, 28, die sich am vierten Brett abwechselten, schlugen sich hervorragend. Wäre Donchenko gegen Indien nicht in guter Stellung ausgetrickst worden, wäre sogar Silber dringewesen. Rasmus Svane hingegen, sagt Keymer, hatte »ein paar Schutzengel auf der Schulter«, die ihm in heiklen Momenten zur Seite gestanden hätten. Also etwas Glück, auch, ja. Aber Matthias Blübaum weist darauf hin, dass das »Plötzliche« am Erfolg auch eine Frage der öffentlichen Wahrnehmung sei. »Es gibt im Schach Presse nur für die ganz großen Events, und wenn man da halt nicht ganz vorne landet, ist es immer irrelevant.« Mit anderen Worten: Vor zwei Jahren in Budapest war das Team nicht viel schlechter, es lief nur nicht so gut, und Pech kam dazu. Beigetragen zur Bronze in Samarkand hat gewiss die wachsende internationale Erfahrung der deutschen Großmeister. »Das Wichtigste ist, gegen starke Leute zu spielen«, sagt Blübaum. »Je mehr man gegen solche Leute spielt, desto mehr versteht man, wie gut die sind. Aber man versteht auch immer mehr, dass man sie schlagen kann.« In der fünften Runde schlug Deutschland das an Platz 1 gesetzte Team der USA mit seinen Supergroßmeistern um Fabiano Caruana und Wesley So. Nun schien alles möglich. Der Rückschlag kam tags darauf gegen China, als der nach Jahren mentaler Probleme ans Brett zurückgekehrte Ex-Weltmeister Ding Liren sich gegen Vincent Keymer von seiner besten Seite zeigte: Aus der Eröffnung heraus hatte er mit Weiß einen kleinen, anhaltenden Druck in der Partie, den Keymer abzuschütteln versuchte, was ihm nicht gelang, ihn aber viel Bedenkzeit kostete. Nur noch wenige Minuten auf der Uhr in einer unangenehmen Stellung und dann schwierige Entscheidungen treffen, das war zu viel. Keymer verlor, das Team unterlag China mit 1:3. Aber es hatte solchen Schwung, dass es sich davon nicht mehr bremsen ließ. In der achten Runde schlug es Usbekistan. Zum Erfolg trug der mitgereiste deutsche Großmeister Dmitrij Kollars bei, der sich die Nächte um die Ohren schlug, um der Mannschaft am Morgen auf den nächsten nachmittäglichen Kampf zugeschnittene Eröffnungsideen zu präsentieren. Wobei, »am Morgen« ist vielleicht zu viel gesagt: »Also, ich habe den Frühstücksraum nur vor der letzten Runde gesehen«, sagt Keymer, ein bekennender Langschläfer. Auch der Mannschaftskapitän Jan Gustafsson, ein ausgezeichneter Schachtheoretiker, half bei der Eröffnungsvorbereitung. Während der Runden sah man ihn dann in der Live-Übertragung neben seinen grübelnden Leuten sitzen, regungslos in ein Buch vertieft. Der lesende Trainer, man möge sich ihn bei einem Fußball-Länderspiel vorstellen. Vincent Keymer sieht es gelassen: »Wir spielen fünf, sechs Stunden, denken teilweise eine halbe Stunde über einen Zug nach – dass er da nicht jede Sekunde gespannt am Brett steht, ist irgendwie logisch. Und uns die ganze Zeit mit kritischem Blick nervös über die Schulter zu gucken, wäre sicherlich nicht hilfreich.« Der aus Samarkand für seinen Blog chessecosystem.com berichtende Schachjournalist Thorsten Cmiel braucht nur drei Worte für das Abschneiden des Teams: »Der totale Hammer.« Schach aus Deutschland, das sind von nun an nicht mehr nur Keymer und Blübaum, sondern gleich drei weitere Großmeister, die man global im Blick behalten wird. Weniger erfolgreich waren zwei miteinander konkurrierende Deutsche bei der Wahl zum Weltschachpräsidenten am Wochenende, ebenfalls in Usbekistan. Der Hamburger Jan Henric Buettner wie der Düsseldorfer Wadim Rosenstein unterlagen dem Ex-Russen und Neu-Kasachen Timur Turlov; damit bleibt die Lage nach dem Rücktritt des mit EU-Sanktionen belegten Russen Arkadi Dworkowitsch im Weltverband Fide so undurchsichtig, wie sie war. Russland zieht die Fäden, obwohl es selbst nicht mehr an Turnieren teilnehmen darf, auch nicht an der Schacholympiade.