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01.06.2026
09:59 Uhr
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Ein Gericht verurteilt einen Täter und warnt drastisch vor sexuellen Übergriffen und der Macht der Lehrer. Behörden wirken hilflos. Wie man junge Frauen besser schützt.

Vor einer Theoriestunde fasste er ihr an die Wange, kam ihr dabei so nah, dass sie zurückschreckte, und sagte ihr in derben Worten, dass er Sex mit ihr haben wolle. Auf dem Weg zum Fahrschulauto schlug er ihr auf das Gesäß. Als sie sich umdrehte, grinste er sie an. Und auch auf WhatsApp und Facebook teilte er ihr mit, was er alles mit ihr anstellen wolle. Er, der Fahrlehrer Mitte 40, sie die 18-jährige Fahrschülerin. Die junge Frau habe das Verhalten »als erniedrigend und abstoßend« empfunden, heißt es in Akten der bayerischen Justiz zu dem Fall. Die wiederum nur aktiv werden konnte, weil die Schülerin die Kraft besaß, die Übergriffe ihres Lehrers zur Anzeige zu bringen. Das Amtsgericht Rosenheim verurteilte den Mann wegen sexueller Belästigung zu einer Geldstrafe. Das Landratsamt entzog ihm daraufhin seine Fahrlehrerlizenz. Doch erst jetzt ist klar, nach einem endgültigen Beschluss des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs vom März dieses Jahres: Er wird seine Lehrerlaubnis auch nicht wiederbekommen. Eine einmalige Verfehlung? Nein. Staatsanwälte und Richter haben den Weg des Mannes nachgezeichnet. Seit Beginn seiner Tätigkeit als Fahrlehrer im Jahr 1999 gab es immer wieder Beschwerden über ihn, bei seinen Arbeitgebern, bei der Polizei. Von völlig unakzeptablen Äußerungen gegenüber teilweise minderjährigen Fahrschülerinnen ist zu lesen in den Justizakten, von ungewollten Umarmungen und sogar Nachstellungen. Über mehr als 20 Jahre ging das so. Bis die Verwaltungsrichter ihm endgültig die Ausübung dieses Berufs verboten und dabei eine deutliche Warnung in ihren Beschluss hineinschrieben – nicht als Generalverdacht, sondern als Beschreibung eines strukturellen Risikos: »Bei der Fahrschulausbildung ergeben sich besondere Gefahren für die sexuelle Selbstbestimmung, die Ehre, das seelische und das körperliche Wohlbefinden der typischerweise jugendlichen oder heranwachsenden Fahrschüler, insbesondere der Fahrschülerinnen.« Wer juristische Datenbanken und Medienarchive durchforstet, findet tatsächlich immer wieder Hinweise darauf, dass Fahrlehrer ihr Autoritäts- und Vertrauensverhältnis gegenüber Schülerinnen ausnutzen. Und das nicht nur in Deutschland: In Großbritannien berichtet die Driver and Vehicle Standards Agency (DVSA) auf Anfrage der ZEIT von 164 Beschwerden gegen Lehrer »wegen unangemessenen oder sexuellen Verhaltens« für das Jahr 2025. Auch in Österreich würden sich »regelmäßig« junge Frauen melden, weil sie sich von ihrem Fahrlehrer belästigt fühlten, berichtet die dortige Gleichbehandlungsanwaltschaft. Etwa fünf Prozent der Beschwerden im Sektor »Güter und Dienstleistungen« würden Situationen in Fahrschulen betreffen. Wobei es »vermutlich auch ein Problem mit Underreporting und deswegen eine höhere Dunkelziffer« gebe, so die Fachstelle. Denn die Frauen versuchten meist, die Situation allein durchzustehen. Eine für alle Fälle passende Lösung für solch wiederkehrende Situationen haben sie bei der Gleichbehandlungsanwaltschaft auch nicht. Aber doch immerhin einige sehr konkrete Vorschläge, wie so ein Verhalten unterbunden werden kann. Damit reiht sich Österreich ein in die Länder, die Antworten suchen auf eine ziemlich drängende Frage: Wie schützt man Schülerinnen und Schüler vor Übergriffen? Es sind Ideen, die in Deutschland als Vorbild dienen könnten. Denn hierzulande gibt es weder Erhebungen zu sexuellen Übergriffen in Fahrschulen noch Konzepte, um das zu verhindern. Technik ins Auto holen Auch in Australien wurde das besondere Verhältnis zwischen Fahrlehrern und Fahrschülerinnen, die da Knie an Knie im Auto sitzen, lange Zeit nicht thematisiert. Dem australischen Verkehrsministerium wurden in den vergangenen fünf Jahren zwar 113 Beschwerden über Fahrlehrer gemeldet. Darunter waren aber nur sechs wegen sexueller Übergriffe. Doch das waren die offiziellen Zahlen. Als Journalisten recherchierten, kam etwas anderes heraus. Dem australischen Fernsehsender ABC schilderten im Herbst vergangenen Jahres über 300 Fahrschülerinnen , wie sie belästigt wurden. Infolgedessen diskutieren einige Regionalregierungen über technische Lösungen: Kameras in Fahrschulautos. Das könnte Fahrschülerinnen und ihren Eltern Sicherheit geben, lauten die Argumente, aber auch den Fahrlehrern, falls sie sich zu Unrecht angegriffen fühlen. Anderswo sind solche technischen Hilfsmittel bereits im Einsatz. In Dubai etwa werden Fahrstunden jetzt systematisch von Kameras gefilmt – und von künstlicher Intelligenz ausgewertet. Wobei die wichtigsten Gründe hier andere sind als in Australien: Die Technik soll kontrollieren, ob Fahrlehrer am Handy spielen, ob sie sich richtig angeschnallt haben oder die passende Kleidung tragen. Der Schutz von Fahrschülerinnen vor Übergriffen ist kein großes Thema. Und in Deutschland? Einen ernst zu nehmenden Vorstoß zu einem verpflichtenden Einsatz gibt es bislang nicht, wohl nicht zuletzt aus Gründen des Datenschutzes, natürlich auch eine Rolle spielt. Der freiwillige Einsatz wäre aber dennoch möglich – sofern alle Fahrzeuginsassen beziehungsweise deren Sorgeberechtigte damit einverstanden sind.